Aktuelle LANCET-Studie: Adipositas erhöht Infektionsrisiken erheblich
DGI warnt vor Schwächung der Infektionsmedizin
Menschen mit Adipositas haben ein um 70 Prozent höheres Risiko, aufgrund einer Infektionskrankheit hospitalisiert zu werden oder zu versterben. Das zeigt eine heute im Fachblatt LANCET publizierte internationale Auswertung der Daten von 540.000 Menschen.
Aufgrund kontinuierlich steigender Adipositasraten in den westlichen Nationen sei deshalb mit einer Zunahme von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen durch Infektionen zu rechnen, so die Autoren.
In Deutschland droht gleichzeitig eine erhebliche Schwächung der Infektionsmedizin: Das Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) sieht unter anderem die Streichung der Leistungsgruppe Infektiologie vor; im Krankenhausentgeltgesetz endet in diesem Jahr die Förderung der infektiologischen Weiterbildung. Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) warnt vor einer relevanten Gefährdung der Versorgungsqualität in der Infektionsmedizin.
Adipositas erhöht das Risiko für eine Hospitalisierung und für Tod infolge einer Infektionskrankheit erheblich – etwa bei Influenza, COVID-19, Lungenentzündung, Gastroenteritis, Harnwegsinfektionen sowie Infektionen der Atemwege.
So weisen Menschen mit Adipositas – definiert als BMI über 30 kg/m² - im Vergleich zu Menschen mit einem BMI zwischen 18,5 und 24,9 ein um 70 Prozent höheres Risiko auf, aufgrund einer Infektionskrankheit hospitalisiert zu werden oder zu versterben.
Das Risiko nimmt mit zunehmendem Körpergewicht kontinuierlich zu. „Bereits während der Corona-Pandemie konnten wir beobachten, dass stark übergewichtige Menschen häufig schwerere Verläufe hatten als Normalgewichtige.
Die vorliegende Untersuchung belegt diesen Zusammenhang nun für zahlreiche Infektionen – und auch in einer Dimension, die bislang unterschätzt wurde“, sagt Professor Dr. med. Gerd Fätkenheuer, Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI). Die Studie nutzte Daten von rund 67.000 Erwachsenen aus zwei finnischen Kohortenstudien sowie von rund 470.000 Erwachsenen aus der britischen UK-Biobank.
Immer größere Teile der Bevölkerung durch Infektionen gefährdet
Auch in Deutschland sind immer mehr Menschen übergewichtig – und damit einem erhöhten Risiko für schwer oder tödlich verlaufende Infektionen ausgesetzt. Letzteres trifft außerdem auch auf ältere Menschen mit geschwächtem Immunsystem sowie auf Patientinnen und Patienten, die neuartige Krebstherapien oder schwere Operationen durchlaufen, zu.
Gleichzeitig belegen Daten: Die Einbindung von Fachärztinnen und Fachärzten der Infektiologie kann die Überlebenschancen von Betroffenen mit schweren Infektionen um bis zu 20 Prozent verbessern, Komplikationen reduzieren und den Antibiotikaverbrauch senken.
„Eine strukturelle Verankerung infektiologischer Kompetenz ist deshalb nicht nur medizinisch unverzichtbar – sondern auch ökonomisch sinnvoll“, sagt Professor Dr. med. Maria Vehreschild, Vorsitzende der DGI.
Schwächung der Infektionsmedizin in Deutschland
Das aktuelle Krankenhausreformanpassungsgesetzes (KHAG) sieht das Gegenteil vor. Hier sollen mehrere Leistungsgruppen, also Kategorien medizinischer Leistungen, in denen spezifische Qualitätskriterien und Vergütungen definiert sind, komplett entfallen – darunter auch die Leistungsgruppe Infektiologie. Für Kliniken heißt das konkret: Ohne eine Leistungsgruppe lässt sich spezielle Infektiologie kaum finanzieren.
Parallel läuft im Krankenhausentgeltgesetz auch die Förderung der Weiterbildung zum/zur Fachärztin/Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie sowie die Förderung der Zusatz-Weiterbildungen Infektiologie für Ärztinnen und Ärzte anderer Fachrichtungen aus.
„Wir verspielen aktuell viele Fortschritte der vergangenen Jahre. Die Zukunft des Fachs Infektiologie – die Weiterbildung qualifizierten Nachwuchses, die Finanzierung infektiologischer Leistungen und die wissenschaftliche Weiterentwicklung – ist in Deutschland akut bedroht“, so Fätkenheuer.
Weniger Qualität, weniger Effizienz
Für Patientinnen und Patienten bedeutet das: Die Qualität der Versorgung bei schweren Infektionen droht zu leiden. „Es braucht eine strukturelle Verankerung der Infektiologie im Krankenhaus- und Entgeltsystem – andernfalls drohen erhebliche Verluste der Qualität und Sicherheit der betroffenen Patientinnen und Patienten“, sagt Vehreschild.
„Aktuell handeln wir nicht nur entgegengesetzt zu anderen hochentwickelten, effizienten Gesundheitssystemen, die der Infektionsmedizin evidenzbasiert einen hohen Stellenwert zuweisen; wir schwächen auch ohne Not die von der Gesundheitspolitik formulierten Ziele für mehr Qualität und Effizienz.“
Zusammen mit zahlreichen Fachgesellschaften und Verbänden hat die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) im Oktober letzten Jahres eine umfassende Stellungnahme zur Situation der Infektionsmedizin verfasst: https://www.dgi-net.de/wp-content/uploads/2025/10/Stellungnahme-zum-KHAG-1.pdf
Literatur:
Solja T Nyberg PhD, Philipp Frank, PhD Sara Ahmadi-Abhari, MD PhD Jaana Pentti, MSc Prof Jussi Vahtera, MD PhD Jenni Ervasti, PhD et al. Adult obesity and risk of severe infections: a multicohort study with global burden estimates. LANCET Online first, February 09, 2026.
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(25)02474-2/fulltext
DGI et al. Stellungnahme zum Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) Streichung der Leistungsgruppe 3 „Infektiologie“. Okt 2025. Im Internet: https://www.dgi-net.de/wp-content/uploads/2025/10/Stellungnahme-zum-KHAG-1.pdf