Wie noch weniger Menschen an Darmkrebs sterben

... Netzwerk gegen Darmkrebs präsentiert Agenda

Darmkrebs ist bei Frauen und Männern die zweithäufigste Krebserkrankung und auch die zweithäufigste Krebstodesursache in Deutschland. Die gesetzlichen Vorsorge-Leistungen wurden seit Einführung 2002 bereits von 8,5 Mio. Versicherten in Anspruch genommen. Hierdurch konnten über 150.000 Todesfälle verhindert, sowie Mortalität und Inzidenz gesenkt werden.

Aber neue Risikogruppen und stärkere Demographieeffekte werden den positiven Trend bald umkehren.

Das Netzwerk gegen Darmkrebs e.V. will dieser Prognose mit einer fokussierten Agenda begegnen und Präventions-Potentiale heben.

Die Rückgänge bei den Darmkrebs-Neuerkrankungsraten, als auch bei der Sterblichkeit sind vor allem in der Altersgruppe zu beobachten, die die gesetzlichen Vorsorgeleistungen in Anspruch nehmen kann.

Bei den unter 50-jährigen sieht es dagegen ganz anders aus: Hier nehmen Inzidenz und Mortalität zu.

Ein beunruhigender Trend, der in vielen Ländern und auch Deutschland zu beobachten ist.

Besonders stark fällt der Anstieg bei den 20- bis 29-Jährigen aus mit einer jährlichen Steigerungsrate von fast acht Prozent, so die Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ).

Sie setzen sich aktuell auch nicht nur mit den möglichen Gründen für den Anstieg auseinander, sondern gehen auch der Frage nach, inwieweit ein erhöhtes Darmkrebsrisiko in jungen Jahren das Erkrankungsrisiko in den späteren Lebensjahren noch weiter in die Höhe treibt.

„Wir müssen dringend herausfinden, welche Faktoren die Erkrankung in den jüngeren Generationen begünstigen – und wie man diese Erkrankungen weitestmöglich verhüten kann", betont Prof. Hermann Brenner, Epidemiologe am DKFZ die Brisanz der Initiative des interdisziplinären Forschungsverbunds „PEARL", der nun vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) als Projekt der Nationalen Dekade gegen Krebs gefördert wird.

Wie kann akut geholfen werden?

Jede zehnte Darmkrebs-Neuerkrankung in Deutschland betrifft Menschen unter 50 Jahren. Besonders gefährdet sind diejenigen, in deren Familien es bereits Fälle von Darmkrebs gibt.

Insbesondere für diese Menschen, die aufgrund ihres familiären Risikos wesentlich früher an Darmkrebs erkranken können, kommt die gesetzliche Früherkennung ab 50 aber oft zu spät.

Das bayerische Modellprojekt FARKOR hat kürzlich seine Forschungsergebnisse präsentiert und aufgezeigt, warum für diese Menschen Darmkrebsvorsorge bereits ab 30 Jahren angeboten werden sollte:

Wenn bei Versicherten eine Familienanamnese positiv ausfällt, ist die Vorsorge – mit Stuhltest oder Darmspiegelung – bereits ab 30 Jahren kosteneffektiv und verhindert Todesfälle.

Neben den Neuerkrankungen in jüngeren Jahren, beschäftigt Vize-Präsident Dr. Berndt Birkner aber noch eine andere Problematik: Eine im Juli veröffentlichte Prognose des DKFZ malt auch für die anspruchsberechtigten Versicherten über 50 eine düstere Zukunft. Denn eine zunehmend ältere Gesellschaft bedeutet auch eine Zunahme an Krebs.

Die Wissenschaftler errechneten daher, wie sich zukünftig die Zahl der Neuerkrankungen bei Darmkrebs aufgrund der Demographie entwickeln wird. Ihr Online-Tool, das jedem zur Verfügung steht, zeigt Prognosen bis ins Jahr 2060 mit über 75.000 neuen Diagnosen.

Die Erkenntnis: Selbst um auf dem bisherigen, immer noch zu hohen Niveau an Neuerkrankungen zu bleiben, ist eine erhebliche Steigerung der Teilnahmerate notwendig. Bis zum Jahr 2030 auf etwa den doppelten und ab dem Jahr 2040 sogar auf etwa den dreifachen Wert, so die Berechnungen des DKFZ auf der Basis aktueller epidemiologischer Daten.

"Die neue Studie des DKFZ macht deutlich, dass auf dem Gebiet der Darmkrebs-Prävention dringend mehr geschehen muss“, betont Dr. Berndt Birkner, Gründungsmitglied des Netzwerk gegen Darmkrebs und niedergelassener Magen-Darm-Arzt.

"Dabei wollen wir ja aber nicht nur das bisherige Niveau an verhinderten Krebsen fortführen. Wir wollen, dass noch weniger Menschen an Darmkrebs erkranken. Die Gesunderhaltung ist unsere oberste Priorität. Und die Vorsorge mittels Stuhltest und Koloskopie bietet hervorragendes Potential. Allerdings kann dieses nur mit einer weitaus höheren Teilnahmerate ausgeschöpft werden. Dies fordert auch ein Positionsstatement der American Gastroenterological Association (AGA) vom Juni dieses Jahres: Es sollte alles unternommen werden, um die Teilnahmequoten in einen Bereich von 60 - 70 Prozent zu steigern. In Deutschland sind wir hiervon noch weit entfernt."
 
Das Präsidium des Vereins Netzwerk gegen Darmkrebs hat daher eine Agenda für die nächsten 36 Monate verabschiedet, die zum Ziel hat, die Prävention von Darmkrebs in Deutschland qualitativ und quantitativ deutlich zu verbessern.

Die Kernpunkte der neuen Agenda:

  • Verbesserung der Identifikation und Versorgungssituation für Versicherte mit einem familiären Risiko für Darmkrebs.

  • Verbesserung und Ausweitung der Digitalisierung in der Früherkennung.

  • Verbesserte Qualitätssicherung der Vorsorge-Koloskopie als Gold-Standard der Prävention.

  • Ausweitung der betrieblichen Darmkrebsvorsorge im deutschen Mittelstand als wichtigsten Arbeitgeber.

Eine notwendig höhere Teilnahmerate, impliziert automatisch auch mehr Koloskopien.

Dieses notwendige Plus kann allerdings durch die niedergelassenen Gastroenterologen nur dann gewährleistet werden, wenn sich die Personalsituation – vor allem im Bereich der MFAs – deutlich verbessert.

Daher will sich das Netzwerk gegen Darmkrebs auch erstmals berufspolitisch einmischen und hat ein weiteres Ziel definiert:

5. Sicherstellung der flächendeckend verfügbaren Vorsorge-Koloskopie für die Bevölkerung in Deutschland und Gewährleistung einer zeitnahen Terminvergabe durch eine nachhaltig-verlässliche Personalplanung.

 Der aktuelle Fachkräftemangel geht zu Lasten der Gesundheit in Deutschland.

„Die Personalkrise der Pflege in Kliniken hat sich seit Jahren bereits auch im ambulanten Versorgungsbereich angebahnt. Jetzt ist er hoch aktuell! Der MFA-Mangel (medizinische Fachangestellte) führt bereits zu erheblichen Einschränkungen der ambulanten Versorgung.

Praxen müssen ihre Sprechstunden reduzieren bis hin zu Praxisschließungen. Ich selbst bin davon betroffen und musste vor über vier Wochen meinen Praxisbetrieb zur Durchführung von Endoskopien und Vorsorgekoloskopien einstellen.

Weitere Praxen werden folgen. Dieser Entwicklung kann nicht mehr tatenlos zugesehen werden. Es müssen Aktionen folgen. Als erstes muss ein „Runder Tisch“ zur Lösung des Personalmangels in den Praxen ins Leben gerufen werden. Es ist nicht mehr 5 vor 12, es ist bereits 5 nach 12!“ – warnt Birkner vor dem Kollaps der Prävention.
 
Weiterführende Links
•    Online Tool: Prognose-Rechner des DKFZ  
https://prevention-calculator.shinyapps.io/crc-screening/

•    Impact of demographic changes and screening colonoscopy on long-term projection of incident colorectal cancer cases in Germany: A modelling study 
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2666776222001454#fig0005

•    Artikel in der Süddeutschen Zeitung: Berndt Birkner - Wenn die letzte Assistentin kündigt. 
https://www.sueddeutsche.de/politik/fachkraefte-mangel-praxen-1.5628818?reduced=true

•    Statista: Wo die meisten Fachkräfte fehlen.  
https://de.statista.com/infografik/27975/berufe-mit-dem-groessten-arbeitskraeftemangel-in-deutschland/?utm_source=Statista+Newsletters&utm_campaign=0bbd1231be-All_InfographTicker_daily_DE_PM_KW32_2022_Fr&utm_medium=email&utm_term=0_662f7ed75e-0bbd1