Interview zum Thema bipolaren Störungen

"Eine Manie fühlt sich für die Betroffenen zunächst häufig gut an"

Anlässlich der bundesweiten Woche der Seelischen Gesundheit vom 10. bis zum 20. Oktober 2026 geben vier Chefärzte der Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Theodor Fliedner Stiftung Einblicke in die Themen ADHS im Erwachsenenalter, Burnout, bipolare Störungen und Einsamkeit. Im aktuellen Interview spricht der Psychiater Dr. (Univ. Sf.) Chahine Kechaou über bipolare Störungen.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – so wird eine bipolare Störung, früher auch als manisch-depressive Erkrankung bekannt, häufig vereinfacht beschrieben. 

Tatsächlich geht es um deutlich mehr als normale Stimmungsschwankungen: In manischen und depressiven Phasen können sich Stimmung, Antrieb, Schlaf, Denken und Verhalten stark verändern. 

Gleichzeitig wird die Erkrankung nicht selten erst spät erkannt. Auch weil sich eine Manie für Betroffene zunächst ausgesprochen positiv anfühlen kann. 

Der Psychiater Dr. (Univ. Sf.) Chahine Kechaou erklärt, woran man eine bipolare Störung erkennen kann, warum eine Manie zur Krise werden kann und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.

Herr Dr. Kechaou, bei einer bipolaren Störung pendeln Betroffene unkontrolliert zwischen extremen Hochphasen und tiefen Depressionen. Die Erkrankung wird jedoch oft sehr spät erkannt. Warum ist es so schwer, sie von den „normalen“ Höhen und Tiefen des Lebens zu unterscheiden und bei welchen Anzeichen sollte man aufmerksam werden?

Gute und schlechte Tage kennt jeder. Bei einer bipolaren Störung sprechen wir jedoch von völlig anderen Dimensionen. Die Veränderungen sind deutlich stärker und betreffen nicht nur die Stimmung. Auch der Antrieb, der Schlaf, das Denken und das Verhalten können sich verändern. In einer manischen Phase kann jemand plötzlich sehr viel Energie haben, kaum noch schlafen und gleichzeitig das Gefühl bekommen, alles schaffen zu können.

Die Gedanken überschlagen sich, es entstehen viele neue Ideen, man redet mehr und trifft manchmal Entscheidungen, die man unter normalen Umständen so nicht treffen würde. In einer Depression können Freude und Antrieb dagegen fast völlig verschwinden. Ein wichtiges Warnsignal ist deshalb vor allem eine deutliche Veränderung gegenüber dem normalen Verhalten eines Menschen. Wenn Angehörige beispielsweise sagen: „Du bist gerade völlig anders als sonst“, dann sollte man das ernst nehmen.

In einer manischen Phase fühlen sich Betroffene meist gar nicht krank, sondern besonders energiegeladen, kreativ und selbstbewusst. Warum kann sich etwas, das sich zunächst so gut anfühlt, trotzdem zu einer ernsten Krise entwickeln?

Das ist tatsächlich das Tückische an einer Manie und auch der Grund, dass sie oft übersehen wird: Sie fühlt sich für die Betroffenen zunächst sogar häufig gut an. Das Problem ist, dass die eigene Einschätzung und die Realitätswahrnehmung zunehmend verzerrt sind. Dann werden vielleicht große Mengen Geld ausgegeben, riskante Entscheidungen getroffen oder Beziehungen belastet.

Gleichzeitig schlafen die Betroffenen oft kaum noch und Schlafmangel kann die Situation weiter verschärfen. Das macht das Erkennen der Erkrankung schwierig. Denn Betroffene selbst merken in einer Manie oft nicht, dass etwas nicht stimmt. Angehörige nehmen die Veränderung deshalb oft früher wahr. Das kann für beide Seiten sehr belastend sein.

Wenn eine bipolare Störung festgestellt wird: Wie geht es dann weiter? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es und können Betroffene wieder ein stabiles und gutes Leben führen?

Die Diagnose ist für viele erst einmal ein Einschnitt. Aber eine bipolare Störung lässt sich heute sehr gut behandeln und muss das Leben nicht dauerhaft bestimmen.

Zunächst geht es darum, die aktuelle Phase gut zu behandeln. Die Psychotherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Je nach Situation können auch Medikamente helfen. Dabei geht es nicht nur um die akuten Beschwerden.

Wir wollen gemeinsam verstehen:

  • Was sind meine persönlichen Warnzeichen?
  • Welche Stressoren lösen Phasen aus?
  • Wie bleibt der Schlaf-Wach-Rhythmus stabil?
  • Was kann ich tun, bevor aus einer ersten Veränderung eine größere Episode wird?

Wer seine persönlichen Auslöser kennt, kann gezielt gegensteuern, bevor eine neue Episode entsteht.

Wenn Sie mit einem einzigen Missverständnis über bipolare Störungen aufräumen könnten – welches wäre das?

Dass bipolar bedeutet, einfach nur launisch zu sein. Wer morgens gut und nachmittags schlecht gelaunt ist, ist nicht sofort bipolar. Es geht um deutlich ausgeprägte Phasen. Episoden, die Wochen, Monate und sogar Jahre andauern können. Gleichzeitig möchte ich Menschen mit dieser Diagnose Mut machen. Mit der richtigen Behandlung führen sehr viele Betroffene ein vollkommen stabiles und erfülltes Leben.

Angaben zur Person
Dr. (Univ. Sf.) Chahine Kechaou ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Chefarzt des Fliedner Krankenhauses Ratingen. Zuvor war er an der LVR-Klinik Mönchengladbach tätig.

Über die Theodor Fliedner Stiftung
Die Theodor Fliedner Stiftung ist in verschiedenen sozialen Bereichen tätig, mit verschiedenen Pflege-, Therapie- und Wohn- sowie Bildungsangeboten. Die Angebote richten sich an eine Vielzahl von Interessensgruppen, vorrangig aber an pflegebedürftige Menschen, an sucht- oder psychisch erkrankte Menschen sowie an Menschen mit Behinderung. Mit 2.600 Mitarbeitenden in 50 Einrichtungen in fünf verschiedenen Bundesländern in Deutschland stellen die Mitarbeitenden der Stiftung Tag für Tag das diakonische Handeln Theodor Fliedners in den Vordergrund.

Über die Woche der Seelischen Gesundheit
Die bundesweite Woche der Seelischen Gesundheit findet vom 10. bis zum 20. Oktober 2026 rund um den World Mental Health Day statt. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto „Miteinander statt nebeneinander – für eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt“. Zahlreiche Einrichtungen, Initiativen und Organisationen informieren in mehr als 100 Regionen während der Aktionswoche über psychische Gesundheit, psychische Erkrankungen und Unterstützungsangebote.