Erste Warnzeichen erkennen

Wie sich eine Depression zeigt und was jetzt hilft

Morgens die Kinder fertig machen, schnell zur Arbeit, nachmittags einkaufen, Hausaufgaben begleiten und zwischendurch noch ein kurzer Plausch mit den Nachbarn ... 

Eigentlich sieht der Alltag aus wie immer und trotzdem fühlt er sich plötzlich anders an: schwerer, anstrengender, freudloser. Nach der Arbeit reicht die Kraft gerade noch für das Nötigste. 

„Genau so kann sich eine Depression im Alltag bemerkbar machen“, erklärt Dr. med. Jochen von Wahlert, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Ärztlicher Leiter einer psychosomatischen Klinik in Bad Grönenbach. Er ergänzt: „Tiefe Traurigkeit steht dabei nicht zwangsläufig am Anfang. Häufig sind es schleichende Veränderungen im Erleben und Verhalten, die Betroffene selbst kaum einordnen können.“

Wenn Körper und Stimmung erste Signale senden

Nicht immer sind die frühen Warnzeichen eindeutig. Betroffene schlafen plötzlich schlechter, sind ungewöhnlich gereizt, fühlen sich ständig müde oder klagen über häufige Kopf- oder Bauchschmerzen, ohne dass sich eine eindeutige Ursache finden lässt. 

Auch Appetit oder sexuelles Interesse können nachlassen. 

„Solche Beschwerden sind zunächst unspezifisch und können viele Ursachen haben“, erklärt Dr. von Wahlert. „Wenn mehrere dieser Symptome jedoch neu auftreten, über längere Zeit bestehen bleiben und das Wohlbefinden spürbar beeinträchtigen, sollte man sie ernst nehmen.“ 

Gerade weil sich diese Signale häufig schleichend über Wochen oder Monate entwickeln, werden sie im Alltag leicht als Stress oder vorübergehende Erschöpfung abgetan.

Stark nach außen, verunsichert im Inneren

Viele Betroffene bewältigen ihren Alltag lange scheinbar problemlos. Gleichzeitig fällt es ihnen immer schwerer, sich zu konzentrieren oder Entscheidungen zu treffen. Eine E-Mail bleibt länger liegen, derselbe Absatz muss mehrfach gelesen werden und Aufgaben werden aufgeschoben, weil schon der Anfang Überwindung kostet. 

Betroffene spüren selbst, dass ihnen Gewohntes plötzlich schwerer fällt und sie für vieles länger brauchen als früher.

„Innerlich wächst dann schnell das Gefühl, den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht zu werden“, so der ärztliche Direktor. 

Daraus entstehen häufig Selbstzweifel und ein kräftezehrendes Gedankenkarussell: Vermeintliche Fehler werden immer wieder durchdacht, kleine Probleme wirken größer und der Blick auf die Zukunft ist zunehmend pessimistisch. Gerade diese Verunsicherung kann die psychische Belastung zusätzlich verstärken.

Leiser Rückzug aus dem Leben

Ein weiteres wichtiges Warnzeichen ist, wenn gewohnte Aktivitäten zusehends ihren Reiz verlieren. Nachrichten im Chat bleiben unbeantwortet, der Sportkurs wird abgesagt und selbst der gemeinsame Sonntagsausflug kostet nur noch Kraft. 

„Interessenverlust und Freudlosigkeit gehören zu den Kernsymptomen einer Depression“, betont Dr. von Wahlert. 

Manche Betroffene erleben dabei weniger Traurigkeit als vielmehr innere Leere oder das Gefühl, emotional kaum noch etwas zu empfinden. 

„Kommen anhaltende Erschöpfung, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, Selbstzweifel oder eine gedrückte Stimmung hinzu und bestehen diese Beschwerden über mindestens zwei Wochen, sollte eine mögliche Depression ärztlich eingeordnet werden“, so der Facharzt.

Hilfe suchen, bevor nichts mehr geht

Eine erste Anlaufstelle kann die Hausarztpraxis sein. Dort lassen sich körperliche Ursachen abklären, Beschwerden medizinisch einordnen und weitere Schritte besprechen. 

Betroffene können sich ebenso direkt an eine psychotherapeutische Praxis wenden, eine Überweisung ist dafür nicht erforderlich. 

„Niemand sollte warten, bis der Alltag gar nicht mehr zu bewältigen ist“, betont Dr. von Wahlert. „Je früher eine Depression erkannt wird, desto schneller lässt sich gezielt gegensteuern.“ 

Welche Unterstützung sinnvoll ist, hängt von Art und Ausprägung der Beschwerden ab. Wenn möglich, erfolgt die Behandlung zunächst ambulant. Reicht Psychotherapie allein nicht aus, wird sie medikamentös ergänzt. 

Bei schweren Verläufen ist eine teil- oder vollstationäre Therapie erforderlich.

Weitere Informationen unter www.psychosomatische-privatklinik.eu