Suizidgedanken erkennen und Hilfe holen

Ein Facharzt über Warnzeichen, Gesprächsanfänge und Unterstützung in Krisen

Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 10.000 Menschen durch Suizid.[1] Viele dieser Krisen stehen im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen oder schweren Belastungssituationen. Dennoch fällt es Angehörigen, Freunden, Kollegen sowie Betroffenen häufig schwer, offen über Suizidgedanken zu sprechen. 

Steffen Conrad von Heydendorff, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Chefarzt der MEDIAN Klinik Sonnenwende Bad Dürkheim, erklärt im Interview, welche Warnsignale ernst genommen werden sollten, wie ein Gespräch beginnen kann und welche Wege aus einer scheinbar ausweglosen Situation führen.

Warum fällt es immer noch so schwer, dieses Thema anzusprechen?

„Das hat viel mit Hilflosigkeit zu tun. Wenn jemand erzählt, dass er nicht mehr leben möchte, erschrickt das Umfeld oft so sehr, dass den Leuten die Worte fehlen. Viele möchten zwar helfen, wissen aber nicht, wie. Dazu kommt eine tief sitzende Scham: Über seelisches Leid wird in unserer Gesellschaft noch immer ungern gesprochen, weil es schnell mit Schwäche gleichgesetzt wird.

Wenn der Körper erkrankt, reagieren die meisten Menschen mit Mitgefühl. Aber wenn die Seele überlastet ist, weichen viele aus Verlegenheit zurück. Dabei sind Suizidgedanken kein Zeichen von Charakterschwäche. Sie sind Ausdruck einer schweren inneren Krise, in der Denken, Fühlen und Belastbarkeit massiv unter Druck geraten. Genau deshalb braucht es weniger Schweigen und mehr ruhige, klare Gespräche.“

Was passiert innerlich, wenn Menschen keinen Ausweg mehr sehen?

„Suizidale Krisen entstehen fast nie aus einem einzigen Grund. Meist verdichten sich mehrere Belastungen: etwa eine Depression, eine Trennung, Sucht, Traumafolgen, Einsamkeit, chronische Schmerzen, finanzielle Sorgen oder dauerhafte Überforderung. Oft kommt das Gefühl hinzu, anderen nur noch zur Last zu fallen.

Von außen wirkt manchmal ein einzelnes Ereignis wie der Auslöser.

Innerlich hat sich aber bei Betroffenen meist schon sehr lange eine Menge an negativen Gefühlen aufgestaut.

Viele von ihnen wollen nicht unbedingt sterben, sondern wollen vor allem, dass ein unerträglicher Zustand endet. Das Denken verengt sich dann wie in einem Tunnel. Möglichkeiten, die vorher noch bestanden, verschwinden aus dem Blick.

Häufig kommen innere Unruhe, tiefe Erschöpfung oder eine bleierne Taubheit hinzu.

Manche beschreiben es, als stünden sie hinter einer dicken Glasscheibe: Das Leben läuft weiter, aber sie erreichen nichts und niemanden mehr.“

Welche alltäglichen Verhaltensänderungen können Warnsignale sein?

„Es gibt nicht das eine typische Signal. Entscheidend ist oft die Veränderung im Vergleich zum gewohnten Verhalten.

Wenn ein sonst geselliger Mensch sich plötzlich zurückzieht, kaum noch antwortet oder Verabredungen absagt, sollte das Umfeld aufmerksam werden.

Auch starke Gereiztheit, ungewöhnliche Unruhe, Schlaflosigkeit oder ein deutlicher Leistungseinbruch können Hinweise sein. Besonders alarmierend sind Sätze wie: ‚Ich kann nicht mehr‘, ‚Bald habt ihr eure Ruhe vor mir‘ oder ‚Ohne mich wäre es besser‘.

Auch wenn jemand persönliche Dinge verschenkt, Angelegenheiten wie den eigenen Nachlass regelt oder sich ungewohnt endgültig verabschiedet, sollte man hellhörig werden.

Manchmal wirkt eine Person nach einer langen Phase der Verzweiflung plötzlich merkwürdig ruhig. Auch das kann ein Warnsignal dafür sein, dass innerlich bereits ein Entschluss gefasst wurde.“

Wie eröffnet man ein solches Gespräch, ohne die Person vor den Kopf zu stoßen?

„Ein ruhiger Moment ohne Zeitdruck ist ratsam. Das Gespräch sollte aus der Ich-Perspektive beginnen, ganz ohne Vorwürfe oder vorschnelle Ratschläge.

Statt ‚Du musst mal wieder rausgehen‘ empfehlen sich Aussagen über die eigene Wahrnehmung wie: ‚Mir fällt auf, dass du dich zurückziehst. Ich mache mir Sorgen. Wie geht es dir wirklich?‘

Konkret zu bleiben und auch längeres Schweigen auszuhalten, hilft Betroffenen enorm. Im ersten Schritt muss niemand das ganze Problem lösen. Es geht darum, einen Raum zu öffnen, in dem ehrliche Antworten möglich sind.“

Was sollte man auf keinen Fall sagen oder tun?

„Pauschale Trostsätze erreichen Betroffene selten. ‚Kopf hoch, das wird schon wieder‘ oder ‚Denk doch mal positiv‘ können ihren Schmerz sogar entwerten. Niemand wählt diesen Zustand freiwillig.

Auch das krampfhafte Suchen nach Gegenargumenten, warum das Leben doch schön sei, erzeugt bei den Betroffenen meist nur noch mehr Schuldgefühle.

Entscheidend ist es, die Not ernst zu nehmen, indem man beispielsweise sagt: ‚Ich höre, wie schlimm es gerade für dich ist. Ich bleibe bei dir. Wir holen Hilfe.‘

Wichtig zu wissen ist auch: Konkrete Suizidabsichten dürfen nicht aus Rücksicht verschwiegen werden. Wenn Sicherheit gefährdet ist, hat Schutz Vorrang vor Vertraulichkeit.“

Was können Betroffene tun, wenn ihre Suizidgedanken lauter werden?

„Der wichtigste Schritt ist, nicht allein damit zu bleiben, denn Suizidgedanken können zu einer sehr machtvollen Stimme im Kopf werden. Diese überzeugt Betroffene oft davon, dass sie eine Last für andere seien, dass sich nichts mehr ändere oder niemand helfen könne. Aber genau dieser Gedankenstimme sollten sie in der Krise nicht vertrauen, da sie bloß Teil eines seelischen Ausnahmezustands ist.

Oft reicht ein erster Satz an eine vertraute Person: ‚Es geht mir gerade gar nicht gut und ich brauche Hilfe.‘

Das kann eine Freundin sein, ein Partner, die Hausärztin, ein Kollege, die TelefonSeelsorge oder eine psychiatrische Anlaufstelle. Niemand muss sofort die perfekten Worte finden. Entscheidend ist, Verbindung zu einem anderen Menschen herzustellen, bevor sich die Krise weiter zuspitzt.“

Wann ist der Punkt erreicht, an dem man den Notruf wählen muss?

„Wenn jemand konkrete Pläne äußert, einen Zeitpunkt nennt, Vorbereitungen trifft oder nicht mehr länger garantieren kann, sich nichts anzutun, darf nicht abgewartet werden. Die Person sollte nicht allein gelassen werden. Mögliche Gefahrenquellen sollten, soweit das ohne eigenes Risiko möglich ist, aus der unmittelbaren Nähe entfernt werden.

Danach gilt: Notruf wählen oder gemeinsam die nächste psychiatrische Notaufnahme aufsuchen. Weigert sich die Person trotz akuter Gefährdung, müssen Rettungskräfte verständigt werden. Das mag sich für Helfende wie ein Vertrauensbruch anfühlen, dient aber dem Schutz von Leben.“

Können suizidale Krisen überwunden werden?

„Ja, und diese Botschaft ist enorm wichtig. In einer Krise wirkt das Problem auf Betroffene für immer unlösbar und ein Suizid deshalb unvermeidbar. Doch wenn die zugrunde liegende Erkrankung oder Belastung erkannt und fachgerecht versorgt wird, können Suizidgedanken wieder nachlassen.

Viele Menschen finden aus schwerer seelischer Not heraus und erleben später wieder Nähe, Freude und Sinn. Genau deshalb lohnt es sich, Hilfe zu holen. Und genau deshalb sollten Angehörige lieber einmal zu früh reagieren als einmal zu spät.“

Der Experte: Steffen Conrad von Heydendorff, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Chefarzt der MEDIAN Klinik Sonnenwende Bad Dürkheim.

Hilfe bei Suizidgedanken: Bei akuter Gefahr gilt immer: 112 wählen. Wenn keine unmittelbare Lebensgefahr besteht, aber dringend Unterstützung gebraucht wird, können der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117, psychiatrische Ambulanzen, Krisendienste, Hausärzte, Psychotherapeuten oder Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie helfen.

Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym erreichbar: 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222. Auch Online-Beratungsangebote oder Hilfe-Chats können für Menschen, die sich noch nicht in eine Praxis trauen, ein erster Schritt sein.

Über MEDIAN

MEDIAN ist Teil der MEDIAN Group, einem der führenden europäischen Anbieter in den Bereichen medizinische Rehabilitation, psychische Gesundheit, psychische Akutversorgung und Soziotherapie. Mit mehr als 31.000 Mitarbeitenden betreuen die Einrichtungen der MEDIAN Group jährlich rund 309.000 Patientinnen und Patienten in 410 Kliniken und Einrichtungen in Deutschland, Großbritannien und Spanien.

Den Grundstein für die MEDIAN Group legte die MEDIAN Unternehmensgruppe in Deutschland mit ihrer Philosophie, dass sich Rehabilitation und Akutversorgung maßgeblich verbessern lassen, wenn sich qualitativ hochwertig arbeitende Einrichtungen zusammenschließen und ihr medizinisch-therapeutisches Know-how bündeln.

Die Einrichtungen von MEDIAN gehören seit vielen Jahren zu den besten Reha- und Akutkliniken Deutschlands mit einer herausragenden Kompetenz bei Rehabilitation, Teilhabe und Akutversorgung im Bereich Mental Health. Priory in Großbritannien ist einer der größten unabhängigen Anbieter von Dienstleistungen im Bereich der psychischen Gesundheit und der Sozialfürsorge für Autisten und Menschen mit Lernbehinderungen.

Hestia Alliance in Spanien erbringt psychosoziale Dienste in Katalonien, Madrid, Galicien und auf den Balearen. Gemeinsam repräsentieren die Partnerunternehmen der MEDIAN Group die höchsten Standards in der modernen Rehabilitation und Akutversorgung – mit einer einzigartigen Kombination aus modernster klinischer Versorgung, höchsten Qualitätsergebnissen und digitalem Know-how.

Weitere Informationen unter www.median-kliniken.de/sonnenwende 

[1] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/suizid.html