Wenn Angst das Leben steuert

Warum eine Angststörung lange unbemerkt bleibt und was Betroffenen hilft 

Wer Menschen mit einer Angststörung begegnet, sieht oft zunächst Eigenschaften, die im Alltag als Stärke gelten: Sensibilität, Verantwortungsgefühl, den Wunsch, alles richtig zu machen. 

Belastend wird es, wenn hinter diesen Eigenschaften ein sensibles Alarmsystem arbeitet, das dauerhaft auf Hochtouren läuft. Dann kippt Achtsamkeit in Anspannung, Verantwortungsgefühl in Druck. 

Im Interview erklärt Dr. med. Steffen Häfner, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Ärztlicher Direktor der Klinik am schönen Moos, wann starke Ängste krank machen und wie Betroffene aus der Spirale herausfinden. 

1. Warum entwickeln Menschen überhaupt Angststörungen? 

Häfner: „Angst ist erst einmal etwas Nützliches: Sie warnt uns vor Gefahr und versetzt den Körper in erhöhte Wachsamkeit. Problematisch wird es, wenn dieses System zu schnell anspringt oder nicht mehr richtig herunterfährt. Dahinter steckt selten nur ein Auslöser.

Meist greifen mehrere Faktoren ineinander: Veranlagung, Dauerstress, belastende Erfahrungen.

Das Gehirn speichert zudem sehr genau, was einmal eine Bedrohungsreaktion ausgelöst hat. Bestimmte Orte, Situationen oder sogar Gedanken können später genügen, um dieselbe Reaktion wieder hervorzurufen.

So entsteht leicht ein Kreislauf aus Anspannung, Sorge und Rückzug, der sich immer weiter verfestigt.“ 

2. Woran erkennt man, dass Angst zur Störung geworden ist? 

Häfner: „Entscheidend sind drei Punkte: Intensität, Dauer und die Folgen im Alltag. Taucht die Alarmreaktion immer häufiger auf, hält sie lange an oder bricht sie in eigentlich harmlosen Situationen los, sollte man genauer hinschauen.

Viele Betroffene erleben zunächst körperliche Symptome wie Herzrasen, Schwindel, Atemnot oder Zittern, oft begleitet von Schlafproblemen, weil die innere Anspannung nicht nachlässt.

Dazu kommen das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, und eine wachsende Unsicherheit. Im Alltag wird das oft daran sichtbar, dass Treffen abgesagt, Wege verändert und bestimmte Orte gemieden werden. Der eigene Aktionsradius schrumpft gewaltig.“ 

3. Wer ist besonders gefährdet, eine Angststörung zu entwickeln?

Häfner: „Grundsätzlich kann es jeden treffen. Es gibt aber Faktoren, die das Risiko erhöhen: eine familiäre Veranlagung ebenso wie dauerhafter Druck im Beruf, Konflikte zu Hause oder einschneidende Erfahrungen wie Trennungen, Verluste oder gesundheitliche Krisen.

Auch bestimmte Denkweisen erhöhen das Risiko.

Wer viel grübelt, sich für alles zuständig fühlt oder ständig mögliche Risiken durchspielt, gerät leichter in einen dauerhaften Sorgenmodus.“ 

4. Welche Warnzeichen sehen Angehörige zuerst? 

Häfner: „Oft fällt es zuerst im Verhalten auf. Menschen ziehen sich zurück, wirken angespannt oder sagen Treffen ab. Was früher selbstverständlich war, wird plötzlich zur Hürde. Häufig kommen auch körperliche Beschwerden hinzu, ohne dass sich medizinisch eine klare Ursache finden lässt.

Dass dahinter eine Angstproblematik steckt, bleibt oft lange unausgesprochen, auch aus Scham. Gerade deshalb ist es wichtig, solche Veränderungen ernst zu nehmen.“ 

5. Welche Sätze können Menschen mit Angst besonders verletzen? 

Häfner: „Sätze wie ‚Reiß dich zusammen‘ oder ‚Das ist doch gar nicht schlimm‘ treffen Betroffene besonders hart. Sie erhöhen den Druck und vermitteln, dass ihre Sorgenreaktion übertrieben sei. Schwierig sind auch Ratschläge, die das Problem zu stark vereinfachen.

Aussagen wie „Denk einfach positiv“ oder „Ignorier das Gefühl“ greifen zu kurz. Viele erleben es bereits als Entlastung, wenn jemand nicht bewertet, sondern wirklich verstehen will, was in ihnen vorgeht. Manchmal reicht die Frage: Was passiert gerade in dir?“ 

6. Was kann im Alltag helfen und wann ist professionelle Hilfe sinnvoll? 

Häfner: „Schon kleine, machbare Schritte können helfen. Wer aus Furcht nicht mehr Bus fährt, steigt vielleicht erst einmal nur für eine Station ein. Wer Menschenmengen meidet, geht zunächst zu einer ruhigen Uhrzeit in den Supermarkt.

Entscheidend ist die Erfahrung: Ich halte das aus!

Auch Bewegung, feste Tagesstrukturen sowie kurze Atem- oder Entspannungsübungen können das Stressniveau senken und wieder mehr Sicherheit vermitteln.

Das wirkt nicht von heute auf morgen, stärkt aber nach und nach das Gefühl, dem Ganzen nicht ausgeliefert zu sein. Fachliche Begleitung ist dann sinnvoll, wenn die INTERVIEW belastenden Ängste den Alltag einschränken, immer mehr Situationen gemieden werden oder der innere Druck nicht mehr nachlässt. Dann sollte man das Gespräch mit dem Hausarzt oder einem Psychotherapeuten suchen.

Je früher Unterstützung beginnt, desto eher lässt sich dieser Kreislauf durchbrechen.“ 

7. Welche Therapien haben sich besonders bewährt? 

Häfner: „Besonders bewährt hat sich die Psychotherapie, allen voran die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei lernen Betroffene, typische Denk- und Reaktionsmuster zu erkennen und Schritt für Schritt zu verändern. Ein zentraler Bestandteil ist die sogenannte Exposition: Man nähert sich Angst auslösenden Situationen bewusst und erlebt, dass sie zwar belastend sind, aber nicht hilflos machen. So kann das Gehirn neue Erfahrungen abspeichern.

In manchen Fällen können auch Medikamente sinnvoll sein, etwa Antidepressiva, die das Angstniveau stabilisieren. Ergänzend helfen Bewegung, ein besserer Umgang mit Stress oder der Austausch in Selbsthilfegruppen. Entscheidend ist eine Behandlung, die zur Lebenssituation des Betroffenen passt.“ 

Weitere Informationen unter www.klinik-a-s-moos.de  

Kurzprofil 
Die Klinik am schönen Moos in Bad Saulgau ist eine Rehabilitationsfachklinik für Psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie. Seit ihrer Gründung im Jahr 1990 behandeln hier spezialisierte Therapeuten und Ärzte in Einzel- und Gruppentherapien ein breites Spektrum von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. 

Dazu zählen beispielsweise Depressionen, Angststörungen, Burn-out, Belastungs- und Anpassungsstörungen, Post-Covid-Symptomatiken sowie die Psychosomatik der zweiten Lebenshälfte. 

Im Rahmen der Rehabilitation soll die gefährdete oder bereits geminderte Erwerbsfähigkeit gebessert oder wiederhergestellt werden. Nach einem ganzheitlichen Konzept führt die Klinik am schönen Moos auch sport- und bewegungstherapeutische, physiotherapeutische, physikalische und ergotherapeutische Behandlungen durch. 

Insgesamt stellt die Klinik am schönen Moos dazu 180 Betten zur Verfügung und bietet Kapazität für sieben ambulante Reha-Patienten. 

Als Ärztlicher Direktor verantwortet sich Dr. med. Steffen Häfner, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Grundsätzlich übernehmen Krankenkassen oder die Rentenversicherung die Kosten für einen Klinikaufenthalt.