Wenn Stigmatisierung krank macht

Eine Frankfurter Studie zeigt: Vorurteile durch medizinisches Personal halten Menschen mit Suchterkrankungen von medizinischer Hilfe ab.

Stigmatisierung durch medizinisches Personal erschwert oder verhindert notwendige Behandlungen von Menschen mit Suchterkrankungen. Das zeigt erstmals eine Studie der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Frankfurt, die im renommierten „The Lancet Regional Health – Europe“ veröffentlicht wurde. 

Die Arbeit wurde bereits mit dem Wilhelm-Feuerlein-Forschungspreis für Anwendungs- bzw. klinische Forschung sowie dem Nachwuchspreis der Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie ausgezeichnet.

Für Prof. Dr. Andreas Reif, Direktor der Klinik und Senior-Autor der Studie, ist die internationale Veröffentlichung ein deutliches Signal: „Dass diese Arbeit in der Lancet-Familie publiziert wird, zeigt, wie drängend das Thema weltweit ist. Als Universitätsmedizin Frankfurt setzen wir damit ein Zeichen für eine moderne Haltung im Umgang mit psychischen Erkrankungen – insbesondere mit Suchterkrankungen.“

Nicht mangelnder Wille, sondern strukturelle Ausgrenzung

Viele Menschen mit Suchterkrankungen nehmen trotz gesundheitlicher Probleme keine ärztliche Hilfe in Anspruch – mit oft gravierenden Folgen. Ein Forschungsteam um Dr. Mathias Luderer, Leitung Suchtmedizin, untersuchte gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Tübingen und der LMU München erstmals systematisch die Hintergründe. Der Befund ist eindeutig: Ein Gesundheitssystem, das Betroffene durch Blicke, Sprache und Strukturen stigmatisiert, hält sie fern.

Professionelles Stigma als zentrale Barriere

Die Mixed-Methods-Studie kombiniert quantitative Befragungen mit qualitativen Interviews. Sie zeigt, dass sogenanntes „professionelles Stigma“ – abwertendes Verhalten durch medizinisches Personal – maßgeblich dazu beiträgt, dass Betroffene Notaufnahmen und Arztpraxen meiden oder erst spät eine Behandlung in Anspruch nehmen. 

„Unsere Daten zeigen, dass Patientinnen und Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen Klinikflure als Spießrutenlauf empfinden“, erklärt Erstautor Dr. Mathias Luderer. „Sie fühlen sich auf ihre Sucht reduziert, schämen sich und befürchten schlechte Erfahrungen – oft zu Recht.“

Die Zahlen sind deutlich: Aus Sorge vor Stigmatisierung verschwiegen fast 50 Prozent der 119 Befragten ihren Substanzkonsum, 36 Prozent vermieden medizinische Hilfe trotz akuter Erkrankung, 29 Prozent brachen eine laufende Behandlung ab.

Ein Teufelskreis mit klarer Verantwortung

Diese Verhaltensweisen verstärken bestehende Vorurteile im medizinischen System – ein Teufelskreis. 

„Die Verantwortung für Veränderung liegt bei uns, beim medizinischen Personal“, sagt Dr. Mathias Luderer. „Wir müssen unsere Haltung und Kommunikation neu definieren, um die Versorgung von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen zu verbessern.“ Dr. Mathias Luderer ist zudem Drogen- und Suchtbeauftragter der Landesärztekammer Hessen und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG Sucht), die gemeinsam mit anderen Fachgesellschaften ein Manifest zur Entstigmatisierung von Suchterkrankungen veröffentlicht hat.

Die Berichte der Betroffenen legen die Mechanismen offen: Suchterkrankungen werden als moralisches Versagen interpretiert, körperliche Beschwerden bagatellisiert und ein offener Umgang mit der Sucht mit Ablehnung quittiert. 

Zudem zeigte die Studie, dass viele Betroffene die gesellschaftliche Abwertung von Suchterkrankungen verinnerlichen. Dieses sogenannte internalisierte Stigma erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihren Konsum verschweigen, medizinische Hilfe meiden oder begonnene Behandlungen abbrechen.

Dabei betrifft das Problem nicht nur die Suchtmedizin: Stigmatisierung schafft Barrieren in allen Bereichen der Gesundheitsversorgung und wird damit zur Gefahr für die Patientensicherheit.

Authentischer Kontext mit Bestseller-Autorin

Ergänzt wurde die Studie durch die Perspektive der Bestseller-Autorin und Podcasterin Nathalie Stüben („Ohne Alkohol: Die beste Entscheidung meines Lebens“), die die Ergebnisse mit eigenen Erfahrungen abglich.

Ihr Fazit: „Ich verachtete mich bereits selbst und konnte den Gedanken an Ablehnung durch andere nicht ertragen. (…) Stigmatisierung fühlt sich an wie eine zweite Krankheit. Wenn Angehörige der Gesundheitsberufe das berücksichtigen, ließe sich viel Leid vermeiden.“

Quelle:
Universitätsmedizin Frankfurt - Mitteilung vom  2. Februar 2026

Publikation:
Luderer, M., Stockreiter, D., Binder, A., Müller, L., Burger, F., Stüben, N., Reif, A. Stigma from healthcare professionals and care-limiting behaviors in individuals with substance use disorders: a mixed-methods study; The Lancet Regional Health – Europe, published online: january 2026; in print: April 2026.

https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2025.101587