Ordnungsliebe oder Zwang?

Ab wann Verhaltensweisen zwanghaft sind

  • Ist der Herd wirklich ausgeschaltet? 
  • Die Haustür tatsächlich abgeschlossen? 

Vermutlich hat sich jeder Mensch schon einmal dabei ertappt, wie er sich noch mal kontrolliert hat. 

Doch ab wann wird es zwanghaft? 

  • Muss man sich Sorgen machen, wenn man die Fernbedienungen auf dem Couchtisch immer genau parallel zueinander hinlegt?

  • Oder man seinen Kleiderschrank gerne nach Farben sortiert? 

„Viele Menschen pflegen feste Rituale, denn Routinen verleihen dem Alltag eine gewisse Vorhersehbarkeit und vermitteln ein Gefühl von Kontrolle. Wenn diese Taten allerdings überhandnehmen und Betroffene ohne sie gar nicht durch den Tag kommen und beim Unterlassen der Handlungen in starke Anspannungszustände geraten, kann man oftmals von einer Zwangsstörung sprechen“, erklärt Dr. med. Tobias Hornig, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der MEDIAN Klinik St. Georg Bad Dürrheim.

Leidensdruck entscheidend

Der entscheidende Faktor für die klinische Einordnung von zwanghaftem Verhalten ist nicht die Art der Handlung selbst, sondern der damit verbundene Leidensdruck und der zeitliche Aufwand. 

„Stellen Sie sich vor, Sie sortieren Ihre Handtasche. Wenn Sie sich danach über die Ordnung freuen, ist das eine gesunde Vorliebe. Ein Mensch mit einer Zwangsstörung sortiert die Tasche jedoch nicht aus Freude, sondern aus einer tiefen Angst heraus. Er fühlt sich gezwungen, es immer wieder zu tun, um ein inneres Katastrophenszenario zu verhindern“, veranschaulicht Dr. Hornig.

Besänftigung von Angstzuständen

Der Übergang von einer ausgeprägten Gewissenhaftigkeit hin zu einer klinisch relevanten Zwangsstörung bleibt für das Umfeld meist lange unsichtbar. Wer seine Schlüssel immer an denselben Haken hängt, handelt erst mal funktional und effizient. 

„Problematisch wird es dann, wenn das Abweichen von dieser Routine massive Angstzustände oder eine innere Unruhe auslöst, die erst durch das wiederholte Ausführen der Handlung besänftigt werden kann“, weiß Dr. Hornig. 

Ein wesentliches Merkmal echter Zwänge ist zudem ihre mangelnde Logik, die den Betroffenen meist durchaus bewusst ist. Während das Sortieren von Dokumenten im Büro die Arbeit erleichtert, bringt das mehrfache Berühren von Türknäufen in einer bestimmten Abfolge keinen objektiven Mehrwert, außer die kurzfristige Reduktion von Angst.

Professionelle Unterstützung

Um zu erkennen, ob behandlungsbedürftige Zwänge vorliegen, sollten Betroffene ehrlich in sich hineinhorchen. Der erste Schritt zur Besserung ist meist das Eingeständnis, dass die Kontrolle, die man durch die Zwangshandlung zu gewinnen glaubt, in Wahrheit zur Last geworden ist. 

„Habe ich noch die Wahl, Dinge liegen zu lassen, oder diktiert mir eine innere Unruhe den nächsten Handgriff? Wenn soziale Kontakte leiden oder man sich für seine Handlungen schämt und sie vor anderen verheimlicht, sollte man sich professionelle Unterstützung suchen“, rät Dr. Hornig. 

Hausärzte können häufig eine erste Einschätzung vornehmen und anschließend an Fachärzte überweisen. Moderne Therapieansätze helfen dabei, die zugrunde liegenden Ängste schrittweise abzubauen. Auch Selbsthilfegruppen bieten Betroffenen einen wertvollen Raum, um zu erfahren, dass sie nicht allein sind.

So unterscheidet sich eine Zwangsstörung von einer einfachen Marotte:

Innerer Zwang: 
Betroffene spüren einen unbändigen Drang, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun. Sie können sich dagegen kaum wehren, auch wenn sie es wollen.

Wiederholungen:
Zwangshandlungen müssen ständig wiederholt werden, auch wenn sie keinen echten Nutzen bringen. Die Wiederholungen dienen nur dazu, Angst oder Unruhe kurzzeitig zu besänftigen.

Einschränkung der Lebensqualität: 
Betroffene empfinden das Ausführen der Zwänge als belastend. Sie nehmen viel Zeit in Anspruch und stehen dem normalen Leben, dem Job oder der Beziehung im Weg.

Weitere Informationen unter www.median-kliniken.de/de/median-klinik-st-georg-bad-duerrheim/