"Einsamkeit ist eine Form von Stress"
Interview mit Prof. Dr. Mazda Adli:
Anlässlich der bundesweiten Woche der Seelischen Gesundheit vom 10. bis zum 20. Oktober 2026 geben vier Chefärzte der Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Theodor Fliedner Stiftung Einblicke in die Themen ADHS im Erwachsenenalter, Burnout, bipolare Störungen und Einsamkeit. Zum Abschluss unserer Interviewreihe spricht der Psychiater und Stressforscher Prof. Dr. Mazda Adli über Einsamkeit.
Wir können von hunderten Menschen umgeben sein und uns dennoch zutiefst einsam fühlen. Denn Einsamkeit ist nicht das Fehlen von Menschen. Sie entsteht vielmehr dort, wo Verbundenheit fehlt. Und sie kann auf Dauer die psychische und körperliche Gesundheit belasten.
Der Psychiater und Stressforscher Prof. Dr. Mazda Adli erforscht seit Jahren die Entstehung und Folgen sozialer Isolation. Im Interview erklärt er, warum besonders junge Erwachsene von Einsamkeit betroffen sind, weshalb das Thema noch immer mit Scham behaftet ist und was wir gegen Einsamkeit tun können.
Herr Professor Adli, wann ist ein Mensch eigentlich einsam und wann einfach nur allein?
Alleinsein und einsam sein sind nicht das gleiche. Alleinsein kann sehr wohltuend sein. Es kann Ruhe bedeuten, Rückzug, Autonomie, Kreativität. Entscheidend ist: Wenn sie selbstgewählt ist und jederzeit beendet werden kann, kann sie sogar etwas sehr Schönes sein – etwa, wenn wir alleine im Wald spazieren gehen oder ein Buch lesen.
Einsamkeit dagegen entsteht, wenn die sozialen Beziehungen, die wir haben, nicht den Beziehungen entsprechen, die wir uns wünschen oder brauchen. Wenn uns Nähe, Zugehörigkeit oder verlässliche Verbindung fehlen. Und wir selbst an der Situation nichts ändern können.
Einsamkeit ist eine Form von chronischem sozialem Stress. Wir Menschen sind soziale Wesen und evolutionär darauf angewiesen, dazuzugehören und mit anderen zu kooperieren.
Noch nie war es so einfach, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Warum nimmt Einsamkeit trotzdem zu, gerade unter jungen Menschen?
Das ist in der Tat ein interessantes Paradox. Wir können heute jederzeit jemanden anrufen, eine Nachricht schicken oder mit Menschen über soziale Medien in Kontakt treten. Aber Kontakt ist noch keine Verbundenheit und schafft noch keine Beziehung zu anderen.
Das junge Erwachsenenalter ist eine Lebensphase, in der sehr viel gleichzeitig in Bewegung gerät. Man verlässt das Elternhaus, zieht für Studium oder Ausbildung in eine neue Stadt, Beziehungen verändern sich, Freundeskreise lösen sich teilweise auf, man muss sich sein soziales Umfeld neu aufbauen. Gerade in einer Lebensphase, in der Zugehörigkeit besonders wichtig ist, muss sie immer wieder neu hergestellt werden.
Die Altersverteilung der Einsamkeitszahlen in Deutschland entspricht einer U-Form: Junges Erwachsenenalter und hohes Lebensalter sind besonders häufig betroffen. Im Alter sind die häufigsten Gründe für Einsamkeit Mobilitätseinschränkungen und der Verlust von Lebenspartnern oder Freunden.
Wenn ich merke, dass ich mich einsam fühle: Was kann ich konkret tun?
Ein erster Schritt ist es, das eigene Gefühl ernst zu nehmen. Denn Einsamkeit ist – ähnlich wie Schmerz – ein Warnsignal: Sie zeigt uns an, dass unsere soziale Verbundenheit unter ein Maß gesunken ist, das uns nicht guttut. Interessanterweise werden bei sozialer Isolation ähnliche Hirnregionen aktiviert wie bei körperlichen Schmerzen.
Oft sind schon kleine Veränderungen hilfreich. Es muss gar kein großer Schritt sein. Mehr Zeit vor der eigenen Haustüre einplanen – das fördert soziale Begegnungen. Schon ein Small Talk mit der Verkäuferin, dem Kassierer im Supermarkt oder der Nachbarin, kann eine wirksame Veränderung sein.
Sich einem Verein oder einem Chor anschließen oder ein passendes Ehrenamt suchen, können weitere Schritte sein. Und wenn man aus eigener Kraft nichts ändern kann, hilft es, sich zu öffnen: der Hausärztin oder dem Hausarzt gegenüber oder einer anderen Person im eigenen Umfeld.
Manchen fällt das schwer. Einsamkeit ist sehr schambehaftet und wird oft als persönliches Versagen empfunden. Daher ist es entscheidend, das Thema als Gesellschaft besprechbar zu machen und aus der Tabuzone zu holen. Denn sie betrifft viele. Ein Drittel der Bevölkerung kennt Einsamkeit als regelmäßiges Gefühl.
Was können wir als Gesellschaft tun, um Einsamkeit etwas entgegenzusetzen?
Wir brauchen Orte, an denen Begegnungen niedrigschwellig und selbstverständlich stattfinden können. Orte, an denen man nicht schon jemanden kennen muss, um dazuzugehören. Dazu gehört ein öffentlicher Raum, der zum Verweilen einlädt, der Menschen anzieht und dazu führt, dass man den Schritt verlangsamt. Ein Raum, der soziale Begegnungen und gemeinsame emotionale Erfahrungen ermöglicht, der aus Fremden Mitmenschen macht.
Öffentliche Räume haben damit auch einen Public-Health-Auftrag. Dazu gehören Parks und Plätze, aber ebenso Jugendclubs, Sportvereine, Bibliotheken und Kultureinrichtungen wie Theater oder Museen.
In den letzten zwei Jahren haben verschiedene Studien gezeigt, dass Einsamkeit auch mit einem Verlust an Vertrauen in demokratische Strukturen und Institutionen korreliert. Einsamkeit ist deshalb nicht nur eine Frage der individuellen Gesundheit. Sie berührt auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Angaben zur Person
Prof. Dr. Mazda Adli ist Psychiater und Stressforscher. Er ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.
Über die Theodor Fliedner Stiftung
Die Theodor Fliedner Stiftung ist in verschiedenen sozialen Bereichen tätig, mit verschiedenen Pflege-, Therapie- und Wohn- sowie Bildungsangeboten. Die Angebote richten sich an eine Vielzahl von Interessensgruppen, vorrangig aber an pflegebedürftige Menschen, an sucht- oder psychisch erkrankte Menschen sowie an Menschen mit Behinderung. Mit 2.600 Mitarbeitenden in 50 Einrichtungen in fünf verschiedenen Bundesländern in Deutschland stellen die Mitarbeitenden der Stiftung Tag für Tag das diakonische Handeln Theodor Fliedners in den Vordergrund.
Über die Woche der Seelischen Gesundheit
Die bundesweite Woche der Seelischen Gesundheit findet vom 10. bis zum 20. Oktober 2026 rund um den World Mental Health Day statt. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto „Miteinander statt nebeneinander – für eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt“. Zahlreiche Einrichtungen, Initiativen und Organisationen informieren in mehr als 100 Regionen während der Aktionswoche über psychische Gesundheit, psychische Erkrankungen und Unterstützungsangebote.