Wenn die Depression nicht weichen will

Wie Ketamin neue Perspektiven eröffnet

Depressionen gehören zu den großen gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Weltweit sind Millionen Menschen betroffen. 

„Besonders belastend wird die Situation, wenn Behandlungen nicht ausreichend helfen. Zeigen Medikamente nicht die gewünschte Wirkung oder lässt die Besserung sehr lange auf sich warten, braucht es manchmal neue therapeutische Wege“, weiß Dr. med. Jochen von Wahlert, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Ärztlicher Direktor einer psychosomatischen Klinik in Bad Grönenbach. 

Eine solche Möglichkeit ist die Ketamintherapie. 

Ursprünglich als Narkosemittel entwickelt, wird das Medikament heute zunehmend als Therapieansatz bei schweren und therapieresistenten Depressionen eingesetzt beziehungsweise erforscht. 

Das Besondere: Eine antidepressive Wirkung kann teilweise bereits innerhalb weniger Stunden einsetzen – also deutlich schneller als bei klassischen Antidepressiva.

Neue Hoffnung schaffen

Ketamin unterscheidet sich von klassischen Antidepressiva durch seinen primären Wirkansatz

Während herkömmliche Medikamente vor allem Botenstoffsysteme wie Serotonin und Noradrenalin beeinflussen, wirkt dieses Medikament insbesondere auf das Glutamat-System des Gehirns. Dadurch können Prozesse angestoßen werden, die mit der Anpassungsfähigkeit und Vernetzung von Nervenzellen – der sogenannten Neuroplastizität – zusammenhängen.

„Gerade für Menschen, die bereits mehrere Therapieversuche hinter sich haben und weiterhin unter einer schweren Depression leiden, kann die schnelle Wirkung von Ketamin eine wichtige neue Perspektive eröffnen“, erklärt Dr. von Wahlert. „Dabei geht es nicht um ein Wundermittel, sondern um einen zusätzlichen therapeutischen Weg, der sorgfältig und individuell eingesetzt werden muss.“ 

Wie stark und wie lange die Wirkung anhält, ist jedoch individuell unterschiedlich.

Mehr als nur Medikamente

Ganz wichtig: Ketamin darf nicht als alleinige Behandlung verstanden werden. Die medikamentöse Therapie sollte immer mit einer individuell abgestimmten Psychotherapie und bei Bedarf auch mit weiteren Ansätzen, die zum Beispiel den Körper selbst in den Fokus nehmen, verbunden werden.

„Wir betrachten nicht nur die depressive Symptomatik, sondern den Menschen in seiner individuellen Lebens- und Krankheitsgeschichte“, so Dr. von Wahlert und sagt weiter: „Ketamin kann Patienten für eine kurze Zeit lockerer machen, sodass sie empfänglicher für Veränderungen sind. Das kann zum Beispiel auch dafür sorgen, dass eine Gesprächstherapie stärker wirkt. Es geht um das Zusammenspiel der verschiedenen Bausteine.“ 

Ziel ist es daher nicht allein, depressive Symptome möglichst rasch zu lindern.

Stattdessen geht es um eine anhaltende Verbesserung: Patienten sollen die mögliche Veränderung therapeutisch nutzen können, um neue Perspektiven zu entwickeln, Stabilität zu gewinnen und langfristig wieder mehr Lebensqualität und Selbstwirksamkeit zu erfahren.

Verantwortungsvoller Umgang mit neuen Therapien

„Trotz der vielversprechenden Ergebnisse ist Ketamin keine Behandlung, die für jeden Menschen mit Depression geeignet ist. Eine sorgfältige ärztliche Diagnostik, individuelle Indikationsstellung und medizinische Überwachung sind unverzichtbar“, stellt Dr. von Wahlert klar. 

Mögliche Nebenwirkungen wie vorübergehender Blutdruckanstieg, Schwindel, Übelkeit oder Veränderungen der Wahrnehmung müssen berücksichtigt werden. 

Auch das bestehende Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial spielt bei der Entscheidung, ob die Behandlung eine Option darstellt, eine wichtige Rolle. 

Die Ketamintherapie versteht sich deshalb als Ergänzung zu bewährten Behandlungsverfahren und nicht als deren Ersatz. 

Gerade die Verbindung von medikamentösem Ansatz, Psychotherapie und individuell abgestimmten körper- und bindungsorientierten Elementen macht den therapeutischen Ansatz aus. 

Die Forschung zu Ketamin und verwandten schnell wirksamen antidepressiven Verfahren entwickelt sich weiterhin dynamisch. 

Für Menschen, die trotz mehrerer Behandlungsversuche unter einer schweren Depression leiden, kann dieser Ansatz eine neue Perspektive eröffnen. Manchmal bedeutet eine neue Therapie nicht, dass alles bisherige falsch war. Manchmal bedeutet sie einfach, einen anderen Weg zu versuchen.

Weitere Informationen unter www.psychosomatische-privatklinik.eu