Vitamin D: Was bleibt vom Hype um das Sonnenhormon?

In den letzten Jahren konnte man kaum ein Fachblatt und auch keine Allgemeinzeitung aufschlagen oder das TV einschalten, ohne einen oft in sehr hohen Tönen lobenden Bericht lesen, sehen oder hören zu können, etwa vom „Deutschen Vitamin D-Papst“, einem Nuklearmediziner und Ernährungswissenschaftler.

Um diese Vitamin D-Befürworter ist es still geworden.

Was bleibt vom Hype um das „Sonnenhormon“, wenn man die harten Fakten betrachtet, wie es Dr. med. Hans Gross in seinem Coliquio-Artikel am 8. Dezember 2025 im Internet getan hat? 

Zu Beginn seines Beitrags schreibt Dr. Gross knapp: „Bei gesunden Erwachsenen ist eine Supplementierung von Vitamin D ….  nicht angezeigt“. 

Und er fährt fort:

Vitamin D – Das Wichtigste in Kürze

Screening (Wen testen?)

  • Gesunde & beschwerdefreie Erwachsene (18–60 J.): Kein Screening. Es gibt keine Evidenz für einen Nutzen außer gering gegen Erkältung.

  • Indikation: Nur bei manifester Osteoporose, Malabsorptionsstörungen oder schweren Leber-/Nierenerkrankungen.

Substitution (Wer profitiert?)

  • Pflegeheim & Hochbetagte: Substitution ist essenziell zur Sturz- und Frakturprophylaxe.

  • Risikogruppen: Menschen mit dunklem Hauttyp, reine „Indoor-Arbeiter“ oder bei konsequenter Verhüllung.

  • Gesunde Population: Kein präventiver Nutzen bezüglich Krebs, Herzinfarkt oder Frakturen nachweisbar.

Dosierung & Strategie

  • Täglich statt Bolus: Tägliche Gaben sind wirksamer (Infektschutz) und sicherer als monatliche Hochdosis-Gaben.

  • Empirisch („Blind“): Bei Pflegeheimbewohnern sind 1.000 I.E. täglich ohne vorheriges Labor sicher und evidenzbasiert.

Warnhinweis

  • Vorsicht vor Hochdosis-Trends: Gefahr von Hyperkalzämie, Nierenverkalkung und paradoxer Zunahme der Sturzneigung.

  • Ernährung: Bedarf ist kaum über Nahrung zu decken (außer durch fetten Seefisch).

Eigentlich ein Hormon: Streng genommen handelt es sich bei „Vitamin D“ gar nicht um ein Vitamin, sondern um eine Hormonvorstufe. 

Der Körper bildet es in der Haut unter UVB-Strahlung selbst, bevor es in Leber und Nieren zum aktiven Calcitriol umgewandelt wird.

Dieses Hormon steuert nicht nur den Calcium- und Knochenstoffwechsel, sondern dockt auch an Rezeptoren in fast allen Organen an, darunter auch in Immunzellen. 

Ein Mangel an Vitamin D hat also enorme Relevanz. 

Aber taugt es auch zur Prophylaxe?

Ende des Hypes?: Vitamin D galt vielen als die geheime Waffe gegen andere respiratorische Infekte. …. In einer Metaanalyse wurden die Daten von über 60.000 Teilnehmern aus 46 randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) ausgewertet. 

Das Ergebnis ist ernüchternd

In der Gesamtbetrachtung senkte eine Supplementierung das Risiko für akute Atemwegsinfektionen (ARI) statistisch nicht signifikant (Odds Ratio 0,94; 95 % CI 0,88–1,00).   

Dies trifft allerdings nicht zu, wenn die Betroffenen das Vitamin nicht in Form einer sonst üblichen Stoßtherapie (zum Beispiel einmal monatlich), sondern täglich in geringer Dosis einnehmen. Dann lässt sich eine durchschnittliche Risikominderung für akute respiratorische Infekte um 26 % nachweisen (OR 0,84).

Kein Allheilmittel

Die begrenzte Wirkung wird noch deutlicher, wenn man die Ergebnisse der VITAL-Studie (Vitamin D und Omega-3 Trial) hinzuzieht. Mit über 25.000 Teilnehmern ist sie eine der größten randomisierten Studien zu diesem Thema. 

Es wurde untersucht, ob die tägliche Gabe von 2.000 I. E. Vitamin D₃ bei generell gesunden Männern (ab 50 Jahren) und Frauen (ab 55 Jahren) schwere Erkrankungen verhindern kann. 

Doch weder die Inzidenz von invasiven Krebserkrankungen noch das Auftreten schwerer kardiovaskulärer Ereignisse (Herzinfarkt, Schlaganfall) konnten signifikant gesenkt werden.

Frakturprophylaxe

Für die Praxis besonders überraschend ist, dass selbst der klassische Nutzen für die Knochengesundheit bei gesunden älteren Menschen ohne manifesten Mangel nicht gegeben ist. 

Eine Subanalyse der VITAL-Daten zeigte, dass die Supplementierung in dieser großen Kohorte das Risiko für Knochenbrüche (Hüftfrakturen, Wirbelkörperfrakturen oder totale Frakturen) nicht senkte – und zwar völlig unabhängig vom Ausgangsspiegel oder der Einnahme von Kalzium.

Über die Nahrung?

Damit ist der Bedarf kaum zu decken. Nennenswerte Mengen finden sich fast ausschließlich in fettem Seefisch wie Lachs oder Hering. Man müsste täglich mindestens zehn Hühnereier verzehren, um auf die nötige Dosis zu kommen. 

Ein echter Mangel führt klassischerweise zu Rachitis bei Kindern oder Osteomalazie bei Erwachsenen. 

Aber auch unspezifische Symptome wie schnelle Erschöpfung, Müdigkeit oder depressive Verstimmungen können auf ein Defizit hindeuten.

Wer ist gefährdet?  

Nicht jeder antriebslose Patient leidet automatisch unter einem Vitamin-D-Mangel, wie die VITAL-Daten nahelegen. 

Die DGE benennt hier klare Risikogruppen, die wir im Blick haben müssen. Dazu zählen vor allem Senioren, da die Fähigkeit der Haut, Vitamin D zu synthetisieren, mit zunehmendem Alter drastisch abnimmt. 

Ein 70-Jähriger bildet bei gleicher Sonnenexposition nur einen Bruchteil dessen, was die Haut eines 20-Jährigen leistet.

Auch Menschen mit dunklerer Hautpigmentierung sind in unseren Breitengraden gefährdet, da das Melanin die UV-Strahlung abschirmt. …. Wer den ganzen Tag im Büro sitzt („Indoor-Generation”) oder aus kulturellen Gründen verhüllende Kleidung trägt, bekommt schlicht zu wenig UV-Licht ab.

Gezieltes Screening

Ein Massenscreening auf Vitamin-D-Mangel ist trotzdem, darin sind sich die Experten einig, unsinnig. Für gesunde Erwachsene zwischen 18 und 60 Jahren gibt es keine Indikation zur generellen Spiegelbestimmung oder Supplementierung. Dies bestätigte 2021 auch die einflussreiche US Preventive Services Task Force (USPSTF). 

In ihrem Statement stellten die US-Experten fest, dass die Evidenz schlicht nicht ausreicht, um bei asymptomatischen Erwachsenen einen Nutzen des Screenings gegenüber den Kosten und möglichen Schäden zu belegen. Die These, wir hätten tendenziell alle einen behandlungsbedürftigen Mangel, ist wissenschaftlich nicht haltbar. 

Ein Laborscreening gehört demnach zur Routine nur bei manifesten Osteoporoseerkrankungen, Malabsorptionsstörungen sowie schweren Leber- und Nierenerkrankungen.

Gefährliche Überdosierung

Eine große Studie aus Neuseeland von Scragg et al. zeigte eindrucksvoll, dass „viel“ eben nicht „viel hilft“: Über 5.000 ältere Teilnehmer erhielten hier monatlich eine Hochdosis von 100.000 I. E. oder Placebo. 

Das Ergebnis war ernüchternd

Die „Hammer-Dosis“ verhinderte weder Stürze noch Frakturen besser als das Placebo. Im Gegenteil: Es gibt Hinweise aus anderen Studien, dass eine Überdosierung das Sturzrisiko paradoxerweise sogar erhöhen könnte.

Vor den im Internet oft propagierten Hochdosis-Therapien muss daher gewarnt werden. Zu hohe Spiegel können zu Hyperkalzämie sowie zu Gefäß- und Nierenverkalkungen führen. 

Die beliebten Bolusgaben (z. B. einmal monatlich oder quartalsweise) zeigen kaum Schutzwirkung. Die DGE bestätigt diese Sichtweise. Tägliche Gaben sind also der Bolus-Applikation deutlich überlegen.

Sonderfall Pflegeheim

Hausärzte sollten einen ganz speziellen Fokus auf Heimbewohner und hochbetagte, immobile Patienten legen. In dieser Gruppe ist die Prävalenz eines schweren Mangels extrem hoch. 

Diese Patienten kommen kaum noch an die Sonne und ihre Haut kann Vitamin D nur noch eingeschränkt selbst synthetisieren. 

Die Ergebnisse der VITAL- oder USPSTF-Daten (die an gesunden, mobilen Erwachsenen erhoben wurden) greifen hier nicht: Diese Hochrisikogruppe profitiert nachweislich.

Blind substituieren? 

Ja, aber nur in einem klar definierten Setting, nämlich bei Heimbewohnern und schweren Pflegefällen. Eine Supplementierung mit 1.000 Einheiten täglich kann auch ohne vorherige, teure Laborkontrolle erfolgen. 

Das Risiko einer Überdosierung ist bei dieser Dosis vernachlässigbar, während der Nutzen für die Muskulatur und die Sturzprophylaxe in dieser spezifischen Klientel belegt ist. Nur wenn konkrete Erkrankungen wie eine ausgeprägte Osteoporose vorliegen oder Zweifel an der Resorption bestehen, ist eine Spiegelbestimmung bei Pflegefällen sinnvoll.

Fazit:

Vitamin D ist kein Wundermittel gegen Pandemien und ersetzt keine Impfung. Die aktuelle Lancet-Metaanalyse und die großen VITAL-Daten haben den Hype auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. 

Für die breite, gesunde Bevölkerung ist die Vitamin-D-Prophylaxe eher wirkungslos. Auch ein Screening wird hier von der USPSTF nicht empfohlen. Für Risikogruppen wie Hochbetagte, Pflegebedürftige und Menschen mit dunklem Hauttyp ist die Substitution dagegen essenziell.

Gut zu wissen:
DGE-Beitrag nach dem modifizierten Artikel von Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin. Horst Groß studierte Publizistik und Medizin und kam so zu seiner Nebentätigkeit als schreibender Arzt.