„Ich bin nicht süchtig“
Drei häufige Mythen über Alkoholsucht im Check
Ein Feierabendbier nach einem stressigen Tag, Sekt zum Anstoßen auf einen besonderen Anlass oder ein kühles Radler beim Grillen mit Freunden – Alkohol gilt als gesellschaftlicher Klebstoff, der entspannt und verbindet
Doch wo hört der Genuss auf und wo beginnt die Abhängigkeit?
„Rund 2,2 Millionen Menschen erfüllen in Deutschland laut Gesundheitsministerium die Kriterien einer Alkoholabhängigkeit. Der erste Schritt ist, sich einzugestehen, dass man süchtig ist. Vielen Betroffenen fällt dies verständlicherweise schwer und deshalb suchen sie häufig nach Gründen, weshalb ihr Konsum gar nicht problematisch ist“, erklärt Bajram Vuthaj, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Chefarzt an der MEDIAN Rhein-Haardt-Klinik in Bad Dürkheim, und räumt mit den häufigsten Sucht-Mythen auf.
Mythos 1: „Ich trinke nur Bier oder Wein, keinen harten Alkohol – ich bin kein Alkoholiker“
Viele Menschen denken, eine Sucht beginnt erst bei Wodka, Korn oder anderem harten Alkohol. Wer abends „nur“ seine zwei Feierabendbier trinkt, wiegt sich in Sicherheit.
„Für den Körper ist die Art des Alkohols jedoch unerheblich. Entscheidend ist die Menge an reinem Ethanol. Die Obergrenze für risikoarmen Konsum liegt für Frauen bei 12 Gramm reinem Alkohol pro Tag und bei Männern bei 24 Gramm. Ein halber Liter Bier enthält jedoch bereits rund 20 Gramm reinen Alkohol und ein Glas Wein etwa 18 Gramm“, gibt Bajram Vuthaj zu bedenken.
Wer täglich Bier trinkt, gewöhnt seinen Körper an die regelmäßige Dosis. Die Toleranz steigt und die körperliche sowie psychische Abhängigkeit schleicht sich leise ein.
Mythos 2: „Ich trinke nur am Wochenende – also habe ich kein Problem“
Unter der Woche wird kein Alkohol angerührt, aber freitags und samstags knallen die Korken. Viele Betroffene denken: „Wer tagelang ohne Alkohol auskommt, kann gar kein Problem haben.“
Entscheidend ist jedoch nicht nur, wie oft man trinkt, sondern was passiert, wenn man das erste Glas in der Hand hält.
- Kann man nicht mehr aufhören?
- Kommt es regelmäßig zum Kontrollverlust?
„Wenn Alkohol am Wochenende als die einzige emotionale Belohnung für den Stress der Woche dient, ist das Fundament für eine Abhängigkeit bereits gelegt – völlig unabhängig von den alkoholfreien Tagen dazwischen“, weiß Bajram Vuthaj.
Mythos 3: „Wer süchtig wird, hat einen schwachen Charakter“
Sucht wird in unserer Leistungsgesellschaft immer noch als moralisches Versagen, Disziplinlosigkeit oder Charakterschwäche abgetan.
„Reiß dich doch einfach mal zusammen“ ist ein Satz, den fast jeder Betroffene schon einmal gehört hat.
Sucht hat jedoch nichts mit Willensschwäche zu tun. Alkoholismus ist eine schwere Krankheit.
Durch dauerhaften Konsum verändern sich die Biochemie und der Botenstoffwechsel im Belohnungszentrum des Gehirns massiv.
Das Gehirn lernt: Alkohol ist so lebensnotwendig wie Wasser, Luft oder Nahrung.
„Dagegen kommt man mit reinem Wollen und Charakterstärke schlicht nicht an. Eine Sucht zu überwinden, ist keine Frage der Disziplin, sondern erfordert professionelle Hilfe“, rät Bajram Vuthaj und ergänzt: „Psychosomatische Fachkliniken bieten spezialisierte Programme an, die Betroffenen helfen, die Ursachen hinter der Sucht zu verstehen und neue Bewältigungsstrategien zu finden. Die Kosten für eine solche Therapie werden in der Regel von den Rentenversicherungsträgern oder Krankenkassen übernommen und der Arbeitsplatz bleibt währenddessen gesetzlich geschützt.“
Wann beginnt die Sucht?
Eine Abhängigkeit liegt vor, wenn mindestens drei der folgenden sechs Kriterien im letzten Jahr gleichzeitig erfüllt waren:
- Unbezwingbares Verlangen:
Man verspürt ein sehr starkes Verlangen nach Alkohol. - Kontrollverlust:
Es wird regelmäßig mehr getrunken als geplant. - Toleranzentwicklung:
Es werden immer größere Mengen benötigt, um dieselbe Wirkung zu spüren. - Entzugserscheinungen:
Bei Verzicht treten Symptome wie Zittern, Schwitzen, Unruhe oder Schlafstörungen auf. - Vernachlässigung anderer Interessen:
Der Alltag dreht sich nur noch um die Beschaffung und den Konsum von Alkohol. - Weitertrinken trotz Schäden:
Es wird weitergetrunken, obwohl der Konsum bereits gesundheitliche, berufliche oder familiäre Probleme hervorgerufen hat.
Wer gern weitere Informationen zu diesem Thema hätte, schaut bitte direkt unter www.median-kliniken.de/median-rhein-haardt-klinik-bad-duerkheim
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