Ärztlich assistierter Suizid: brauchen Mediziner eine neue gesetzliche Regelung?
Immer mehr Patienten in der palliativmedizinischen Versorgung äußern den Wunsch nach ärztlich assistiertem Suizid als Ausdruck selbstbestimmten Sterbens.
Dieses Thema ist brisant und bedarf der Klärung.
Auf den Deutschen Schmerz- und Palliativtagen 2026 (19.–21. März, Frankfurt) debattieren Experten unter Leitung von Dr. Carsten Brau und Dr. Michael Überall von der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin die rechtlichen, ethischen und praktischen Herausforderungen. Ziel: Klärung und Orientierung für die Ärzteschaft in unsicheren Zeiten.
Das Bundesverfassungsgericht hat 2020 in einem Grundsatzurteil das Verbot der Suizidhilfe (§ 217 StGB) aufgehoben. Jeder hat das Recht auf selbstbestimmtes Sterben – inklusive Hilfe durch Dritte, solange die Entscheidung freier Wille ist, also einsichtig, druckfrei und gut informiert getroffen wird.
„Grundsätzlich hat das Bundesverfassungsgericht alles gut geregelt, es braucht keine Neuregelung durch den Gesetzgeber“, findet Dr. Carsten Brau, Vizepräsident der DGS und Leiter des Regionalen Schmerzzentrums Osnabrück.
„Derzeit gibt es starke Tendenzen, diese offene Regelung gesetzlich wieder einzuengen – vor allem aus religiösen, psychiatrisch-medizinischen oder konservativen Ideologien“ ergänzt Dr. Michael Überall, Vizepräsident der DGS und Präsident der Deutschen Schmerzliga. „Faktisch würde durch diese Bestrebungen das Grundsatzurteil des BverfG wieder außer Kraft gesetzt, das Recht auf Selbstbestimmung eingeschränkt und letztlich die Hürden für ärztlich assistierte Suizide so hoch, dass sie formal einem Verbot gleichkämen. Das war sicherlich nicht das, was das BVerfG 2020 mit seinem wegweisenden Urteil erreichen wollte.“
Praktische Relevanz für Mediziner
Patientenwünsche nach assistiertem Suizid häufen sich nicht nur palliativ, sondern auch in einer alternden Gesellschaft mit einem hohen Anspruch an individuelle Lebensqualität.
Ärzte müssen prüfen, ob der Wunsch wirklich freier Wille ist. Besonders heikel ist das bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen: Hier gelten hohe Anforderungen aber: auch depressive Menschen können durchaus freiverantwortlich entscheiden.
Hierzu hat – so Überall – das BverfG ganz klar festgestellt, dass sich sowohl „der Wille des Einzelnen einer Bewertung anhand allgemeiner Wertvorstellungen, religiöser Gebote, gesellschaftlicher Leitbilder für den Umgang mit Leben und Tod oder Überlegungen „objektiver“ Vernünftigkeit entzieht, als auch der Entschluss zur Selbsttötung (von Dritten) weder einem unwiderleglichen Generalverdacht noch mangelnder Freiheit oder Reflexion unterstellt werden darf!“
Im Rahmen der Deutschen Schmerz- und Palliativtagen 2026 in Frankfurt/Main werden die Experten der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin in der „Podiumsdiskussion ärztlich assistierter Suizid“ am 20.3.2026, 14-15.30 Uhr diese Aspekte vor einem Fachpublikum besprechen, um Ärzten mehr Handlungssicherheit zu geben und zur Meinungsbildung in der Fachwelt beizutragen.
Über die Deutschen Schmerz- und Palliativtage der DGS
Die Deutschen Schmerz- und Palliativtage der DGS finden vom 19.-21. März im Congress Center Messe Frankfurt statt.
Unter dem Motto „Stabilität in unsicheren Zeiten: Ambulant, teilstationär, stationär“ erwartet die DGS über 2.000 Fachleute zu mehr als 90 Sessions zu Prävention, Diagnostik und Therapie chronischer Schmerzen, Cannabinoide & Opioide, Schlafmedizin, Psychologie, Palliativversorgung, KI & digitale Anwendungen, Gesundheitspolitik und vieles mehr.
Das vorläufige Programm steht unter https://www.dgschmerzmedizin.de/kongresse/deutsche-schmerz-und-palliativtage/ online zur Verfügung.
Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS)
Die DGS ist mit 4.035 Mitgliedern und 121 Schmerzzentren die führende Fachgesellschaft zur Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen.
Ihr Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität von Schmerzpatienten – durch eine bessere Diagnostik und eine am Lebensalltag des Patienten orientierte Therapie.
Mit praxisnahen Fortbildungen, Curricula, innovativen Versorgungsmodellen sowie Kongressen wie dem Innovationsforum und den Schmerz- und Palliativtagen fördert die DGS den interdisziplinären Austausch und die Weiterentwicklung der Schmerz- und Palliativmedizin.
Quelle:
Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. - https://www.dgschmerzmedizin.de/