Trend zum „Baby-Pucken“ gefährdet gesunde Entwicklung der Hüfte

Hüft-Fehlstellungen früh erkennen und behandeln

Seit 20 Jahren gehört die Ultraschalluntersuchung der Säuglingshüfte zum allgemeinen Vorsorgeprogramm für Kinder. Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) sieht die Erfolge des Screenings jedoch gefährdet: Der Trend, Babys eng in Tücher oder Decken einzuwickeln, um sie zu beruhigen und das Einschlafen zu erleichtern, könnte zu einer Zunahme der Hüftfehlstellungen führen, befürchten die Ultraschallexperten. Im Rahmen einer Pressekonferenz am 8. Juni 2016 in Berlin erklären sie, warum das  „Pucken“ die natürliche Reifung der Hüfte beeinträchtigt und was dies für Diagnostik und Therapie der Hüftdysplasie bedeutet.

„Beim klassischen Pucken werden die Beine in Streckstellung aneinander gebunden“, erläutert DEGUM-Expertin Dr. med. Tamara Seidl, Oberärztin der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie, Wirbelsäulenchirurgie am Franziskus Hospital in Bielefeld.

Je nach Dauer des Puckens wirken hier Kräfte, die das Wachstum der Hüfte verändern und verlangsamen. Die Hüfte reift nicht normal aus und es kann sich eine sogenannte Hüftdysplasie entwickeln, bei der Gelenkkopf und -pfanne nicht aufeinander passen.

„Das geht bis hin zum Ausrenken des Gelenks“, betont Seidl und schildert ein Fallbeispiel aus der eigenen Praxis: „Das Kind war beim Ultraschall nach der Geburt unauffällig, und zunächst konnte sich keiner erklären, warum es im Alter von fünf Wochen plötzlich diese Hüftreifungsstörung gab“, berichtet die Medizinerin. „Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass das Kind gepuckt wurde.“

Problematisch wird es insbesondere dann, wenn die Veränderungen erst nach der dritten Vorsorgeuntersuchung auftreten. Denn bei der sogenannten „U3“ in der vierten bis fünften Lebenswoche untersuchen Kinderärzte regelhaft die Hüften der Babys per Ultraschall und könnten die Schäden noch entdecken.

Aktuelle Zahlen aus Australien zeigen eine Verdreifachung der spät diagnostizierten Hüftdysplasie-Fälle nach dem dritten Lebensmonat – trotz eines frühen klinischen Screenings.

„Die Ursachen für diese Entwicklung der letzten Jahre sind nicht ganz klar, aber ein Zusammenhang mit dem Pucken ist sehr wahrscheinlich“, so Seidl.

In anderen Ländern, etwa der Türkei oder Japan, sollen Aufklärungskampagnen die Eltern von der umstrittenen Wickelmethode abbringen.

Etwa vier Prozent aller Säuglinge kommen mit einer unreifen Hüfte zur Welt. Wird eine ausgerenkte Hüfte, „Hüftluxation“ genannt, nicht behandelt, entwickeln die Kinder einen hinkenden Gang.

Seit 1996 ist die Ultraschalluntersuchung der Säuglingshüfte Bestandteil der „U3“ im Alter von vier bis fünf Lebenswochen.

Kinder mit einem besonders hohen Risiko werden bereits mit wenigen Tagen im Rahmen der „U2“ geschallt.

„Das betrifft etwa Kinder, bei denen in der Familie schon Fälle von Hüftdysplasie aufgetreten sind. Oder auch Babys, die aus Beckenendlage geboren wurden“, erläutert Seidl.

Den Erfolg des Screenings untermauern verschiedene Studien. So sank der Anteil der Kinder, die wegen einer Hüftdysplasie in Deutschland operiert werden mussten, nach Einführung des generellen Ultraschallscreenings von 1,26 pro 1000 Lebendgeburten auf 0,26.

Über die DEGUM
Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) bietet ein Forum für den wissenschaftlichen und praktischen Erfahrungsaustausch auf dem Gebiet des medizinischen Ultraschalls. Sie vereint rund 10 000 Ärzte verschiedener Fachgebiete, medizinische Assistenten, Naturwissenschaftler und Techniker.

Ultraschalldiagnostik ist heute das am häufigsten eingesetzte bildgebende Verfahren in der Medizin.

Ultraschallanwendern bescheinigt die DEGUM eine entsprechende Qualifikation mit einem Zertifikat der Stufen I bis III. DEGUM zertifizierte Ärzte finden Patienten im Internet unter: www.degum.de


Literatur:
Studer K et al., Increase in late diagnosed developmental dysplasia of the hip in South Australia: risk factors, proposed solutions , Med J Aust 2016; 204 (6): 240 doi: 10.5694/mja15.01082