Interview zu ADHS
"Das Bild vom 'Zappelphilipp' passt auf Erwachsene meist nicht mehr"
Anlässlich der bundesweiten Woche der Seelischen Gesundheit vom 10. bis zum 20. Oktober 2026 geben vier Chefärzte der Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Theodor Fliedner Stiftung Einblicke in die Themen ADHS im Erwachsenenalter, Burnout, bipolare Störungen und Einsamkeit. Den Auftakt macht Psychiater PD Dr. Marc-Andreas Edel.
Bei ADHS – der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – denken viele an ein Kind, das nicht stillsitzen kann. Bei Erwachsenen kann sich die Erkrankung jedoch ganz anders zeigen. Experten gehen davon aus, dass etwa 5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland ADHS haben.
Eine Modeerscheinung sei das aber nicht, sagt Psychiater PD Dr. Marc-Andreas Edel. ADHS habe es schon immer gegeben, durch die sozialen Medien werde heute allerdings deutlich mehr darüber gesprochen. Edel beschäftigt sich seit Jahren mit ADHS im Erwachsenenalter.
Herr Dr. Edel, plötzlich sprechen gefühlt alle über ADHS im Erwachsenenalter. Wann sollte ich als Erwachsener aufmerksam werden und ADHS in Betracht ziehen?
Man muss klar sagen: Das klassische Bild vom unruhigen „Zappelphilipp“, das wir mit ADHS verbinden, passt auf Erwachsene meist nicht mehr. Die Hyperaktivität nimmt mit dem Alter oft ab, Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit oder Organisation bleiben oft aber unverändert bestehen.
Das kann zum Beispiel bedeuten, dass man sich leicht ablenken lässt, Termine vergisst, viele Dinge gleichzeitig anfängt oder Schwierigkeiten hat, Aufgaben zu Ende zu bringen. Manche sind außerdem schnell ungeduldig oder handeln impulsiv. Wichtig ist aber: Nicht jeder, der unkonzentriert oder vergesslich ist, hat ADHS. Solche Phasen kennen wir alle. Entscheidend ist, ob diese Schwierigkeiten einen z.B. schon seit der Kindheit begleiten und wie stark sie den Alltag tatsächlich beeinträchtigen. Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Wenn sich jemand in diesen Symptomen wiedererkennt, was empfehlen Sie als ersten Schritt?
Ich empfehle, sich die eigenen Schwierigkeiten erstmal etwas genauer anzuschauen: Was fällt mir eigentlich schwer? Seit wann ist das so? War das vielleicht schon in der Schule ein Thema? Wie sieht es bei der Arbeit aus, in Beziehungen oder bei ganz alltäglichen Dingen?
Der nächste Weg führt zum Hausarzt oder direkt zu einer Fachärztin oder einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. In der Diagnostik schauen wir uns die ganze Lebensgeschichte an. Auch alte Schulzeugnisse oder die Einschätzung von Angehörigen können dabei hilfreich sein. Und natürlich prüfen wir auch, ob vielleicht etwas anderes hinter den Beschwerden steckt oder die ADHS-Symptome verstärkt. Schlafmangel, Depressionen, Ängste oder chronischer Stress können ebenfalls dazu führen, dass man sich schlecht konzentrieren kann. Deshalb ist eine gute Diagnostik sehr wichtig.
Welche Therapieansätze gelten als am wirksamsten und können Betroffene sich selbst helfen, zum Beispiel während sie auf einen Therapieplatz warten?
Am stärksten können bestimmte Medikamente ADHS-Symptome reduzieren, und in den meisten Fällen funktioniert die Gesamtbehandlung nicht ohne eine Pharmakotherapie. ADHS-spezifische Medikamente bewirken allerdings keine überdauernden positiven Effekte. Nur Lernvorgänge, z.B. im Rahmen der Nutzung einer ADHS-App, eines Neurofeedback oder einer Verhaltenstherapie, führen zu bleibenden Veränderungen im Gehirn und im Verhalten. Da die ADHS-Symptome aber das Lernen beeinträchtigen, gilt die Behandlung mit Medikamenten zur Verringerung der Symptome als Basisstrategie.
Vor Beginn der ADHS-Therapie kann die Berücksichtigung bestimmter Dinge hilfreich sein. Vor allem durch die Beachtung eines regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus mit ausreichend und regelmäßigem Schlaf und den Verzicht auf Bildschirmlicht vor dem Einschlafen, können ADHS-Symptome etwas verringert werden. Auch regelmäßiger Sport hat positive Effekte auf ADHS, wie viele wissenschaftliche Studien belegen.
Dabei würde ich aber nicht den Eindruck erwecken wollen, ADHS ließe sich mit ein paar Organisationstipps lösen. Wenn jemand seit Jahren darunter leidet, dass ihm der Alltag immer wieder entgleitet, dann ist das keine Frage von „mehr Disziplin“. Dann sollte man sich professionelle Hilfe holen.
Wenn Sie mit einem einzigen Missverständnis über ADHS bei Erwachsenen aufräumen könnten: Welches wäre das?
Dass Menschen mit ADHS sich einfach mehr anstrengen oder besser konzentrieren müssten. Das greift zu kurz. Viele Menschen mit ADHS können sich sogar sehr intensiv konzentrieren. Manchmal über Stunden, wenn sie etwas wirklich interessiert. Die Herausforderung liegt eher darin, die eigene Aufmerksamkeit zu steuern, also bei einer wichtigen, vielleicht weniger spannenden Aufgabe zu bleiben und Ablenkungen auszublenden.
Gleichzeitig bringt ADHS nicht nur Schwierigkeiten mit sich. Viele Betroffene sind sehr kreativ, energiegeladen und können gerade in dynamischen Situationen ihre Stärken gut einsetzen. Deshalb kann auch das Umfeld eine Rolle spielen: Die richtige Umgebung kann Belastungen reduzieren und vorhandene Stärken besser zur Geltung bringen. Die Ressourcen sollten vom Beginn der Therapie genutzt und gefördert werden, um die ADHS-bedingten Probleme zu verringern bzw. zu bewältigen.
Angaben zur Person
PD Dr. med. Marc-Andreas Edel ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Chefarzt der Fliedner Klinik Gevelsberg. Zuvor war er seit 2000 an der LWL-Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin der Ruhr-Universität Bochum tätig. Dort verantwortete er ab 2003 den Schwerpunkt Persönlichkeitsstörungen und ADHS mit Tagesklinik sowie Spezialambulanzen für Borderline-Störungen und ADHS.
Über die Theodor Fliedner Stiftung
Die Theodor Fliedner Stiftung ist in verschiedenen sozialen Bereichen tätig, mit verschiedenen Pflege-, Therapie- und Wohn- sowie Bildungsangeboten. Die Angebote richten sich an eine Vielzahl von Interessensgruppen, vorrangig aber an pflegebedürftige Menschen, an sucht- oder psychisch erkrankte Menschen sowie an Menschen mit Behinderung. Mit 2.600 Mitarbeitenden in 50 Einrichtungen in fünf verschiedenen Bundesländern in Deutschland stellen die Mitarbeitenden der Stiftung Tag für Tag das diakonische Handeln Theodor Fliedners in den Vordergrund.
Über die Woche der Seelischen Gesundheit
Die bundesweite Woche der Seelischen Gesundheit findet vom 10. bis zum 20. Oktober 2026 rund um den World Mental Health Day statt. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto „Miteinander statt nebeneinander – für eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt“. Zahlreiche Einrichtungen, Initiativen und Organisationen informieren in mehr als 100 Regionen während der Aktionswoche über psychische Gesundheit, psychische Erkrankungen und Unterstützungsangebote.