Vom Jobcenter zum eigenen Unternehmen:
Wann Arbeitslosigkeit zur Gründungschance werden kann
Die Zahl der Existenzgründungen in Deutschland ist 2025 deutlich gestiegen. Treiber dieser Entwicklung sind vor allem Gründungen im Nebenerwerb. Ein möglicher Treiber ist neben gestiegenen Lebenshaltungskosten auch die Unsicherheit am Arbeitsmarkt: Beschäftigte könnten die Selbstständigkeit zunehmend nutzen, um sich ein zusätzliches berufliches Standbein aufzubauen.
Maximilian Ossot, Gründer der Firmenkompass GmbH, sieht großes Potenzial: „Wer Arbeitslosigkeit nicht nur als Krise, sondern als beruflichen Wendepunkt begreift und die Gründung sorgfältig vorbereitet, kann sich eine langfristige Perspektive schaffen. Der Verlust des Arbeitsplatzes ist für die meisten Menschen zunächst ein Einschnitt.
Doch Arbeitslosigkeit kann auch der Ausgangspunkt für einen grundlegenden Neustart sein. Für einen Teil der Betroffenen führt dieser Weg in die Selbstständigkeit.“
Gründungsaktivität steigt deutlich
Nach dem aktuellen KfW-Gründungsmonitor stieg die Zahl der Existenzgründungen in Deutschland von rund 585.000 im Jahr 2024 auf etwa 690.000 im Jahr 2025. Das entspricht einem Plus von rund 18 Prozent.
Auch die Gründungsintensität erhöhte sich von 115 auf 136 Gründungen je 10.000 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren. Allerdings entfielen 483.000 der Gründungen auf den Nebenerwerb. Damit wurden rund 70 Prozent aller Gründungen neben einer anderen Erwerbstätigkeit begonnen.
Die Zahl der Vollerwerbsgründungen lag dagegen bei rund 206.000 und blieb nahezu stabil.[1] „Die Daten zeigen, dass viele Menschen unternehmerische Möglichkeiten prüfen, ohne sofort ihre gesamte berufliche Sicherheit aufzugeben“, erklärt Ossot. „Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten kann es sinnvoll sein, frühzeitig darüber nachzudenken, wie sich das eigene Fachwissen auch selbstständig nutzen lässt.“
Unsicherer Arbeitsmarkt als Gründungsimpuls
Die KfW sieht einen möglichen Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Arbeitsmarktes und dem starken Wachstum der Nebenerwerbsgründungen. Steigende Erwerbslosigkeit und angekündigter Personalabbau könnten dazu geführt haben, dass sich mehr Beschäftigte ein zusätzliches Standbein aufbauen.[2]
Das bedeutet allerdings nicht, dass aktuell mehr Arbeitslose gründen.
Rund 70 Prozent der Gründer waren 2025 unmittelbar vor ihrer Selbstständigkeit angestellt. Der aktuelle Trend lautet daher eher: Vorsorge durch Selbstständigkeit statt Gründung erst nach Eintritt der Arbeitslosigkeit.[3]
Trotzdem kann Selbstständigkeit für Arbeitslose eine tragfähige Option sein. „Eine Gründung sollte keine Flucht vor der Arbeitslosigkeit sein“, so Ossot. „Sie kann aber eine gute Alternative zur nächsten Festanstellung darstellen, wenn Qualifikation, Geschäftsmodell, Finanzierung und Marktpotenzial zusammenpassen.“
Fachwissen als Geschäftsgrundlage
Gerade erfahrene Fach- und Führungskräfte verfügen häufig über Kenntnisse, Kontakte und Branchenwissen, die für eine Selbstständigkeit wertvoll sind.
Wer seinen Arbeitsplatz verliert, verliert diese Kompetenzen nicht.
„Die zentrale Frage lautet nicht: Wie komme ich möglichst schnell aus der Arbeitslosigkeit? Sondern: Gibt es tatsächlich einen Markt für das, was ich anbieten möchte?“, erklärt Ossot.
Der Schritt in die Selbstständigkeit lässt sich aus der Arbeitslosigkeit heraus fördern. Für Empfänger von Arbeitslosengeld I oder Bürgergeld besteht unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit eines Gründungszuschusses der Bundesagentur für Arbeit. Im Bürgergeldbezug können Jobcenter eine selbstständige Tätigkeit unter anderem mit Einstiegsgeld unterstützen.
„Fördermittel können den Start erleichtern, sie ersetzen aber kein tragfähiges Geschäftsmodell“, betont Ossot. „Entscheidend ist, welches Problem für welche Zielgruppe gelöst wird und ob Kunden bereit sind, dafür zu bezahlen.“
Geförderte Gründungen können dauerhaft tragen
Dass Gründungen aus Arbeitslosigkeit langfristig funktionieren können, zeigen Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Rund 80 Prozent der mit Gründungszuschuss geförderten Personen waren auch 40 Monate nach der Gründung noch selbstständig.[4]
Für den Experten kommt es vor allem auf eine realistische Vorbereitung an.
Dazu gehören ein belastbares Geschäftsmodell, eine klare Zielgruppe, ausreichende Finanzierung und eine ehrliche Einschätzung des Marktpotenzials: „Für manche ist der nächste Job die richtige Entscheidung. Für andere kann ein Arbeitsplatzverlust der Ausgangspunkt für ein eigenes Unternehmen sein. Entscheidend ist, dass aus einer Idee ein überprüfbarer Plan wird.“
Die aktuellen Zahlen zeigen: Immer mehr Beschäftigte nutzen Selbstständigkeit als zusätzliches berufliches Standbein. Für Betroffene bleibt der Schritt in die Selbstständigkeit eine reale Option, wenn er gut vorbereitet und wirtschaftlich tragfähig sowie von Experten begleitet wird.
Weitere Informationen finden Sie unter: https://firmenkompass.de/
Literaturnachweis:
[1] https://www.kfw.de/%C3%9Cber-die-KfW/KfW-Research/KfW-Gr%C3%BCndungsmonitor.html
[3] Ebd.