Die 3. Person in der Beziehung

Wenn KI emotionale Angelegenheiten beeinflusst

„Was muss ich sagen, damit mein Partner mich endlich versteht?“, „Wer hat in diesem Streit recht?“ und „Sollte ich mich trennen?“: Immer häufiger besprechen Menschen solche Fragen neben Freunden oder der Familie auch mit künstlicher Intelligenz. „Der entscheidende Punkt ist nicht nur, ob wir KI für Beziehungsfragen nutzen sollten, sondern auch, welche psychologischen Aspekte wir dabei abgeben und was das womöglich mit uns macht“, so Klaus-Dirk Kampz, Geschäftsführer der My Way Psychiatrische Klinik in Eckenhagen.

Der perfekte Streit

Statt stundenlang über die richtigen Worte zu grübeln, geht das heutzutage ganz schnell und leicht mit einem Prompt: „Wie kann ich meine Sorgen ausdrücken, ohne dass daraus sofort ein neuer Streit entsteht?“

So wird beispielsweise aus einem spontanen „Du hörst mir nie zu!“ eine vermeintlich perfekte Ich-Botschaft.

Was jedoch zunächst Entlastung bringt, wirkt sich eventuell negativ auf die Kompetenz, mit Konflikten umzugehen, aus.

„Für menschliche Beziehungen sind nicht die richtigen Worte zentral, sondern die Fähigkeit, im Alltag selbstständig Missverständnisse zu klären, die Reaktion des Gegenübers auszuhalten und die eigenen Gefühle selbst zu verstehen“, betont Klaus-Dirk Kampz und ergänzt: „Wenn wir herausfordernde Kommunikation jedes Mal delegieren, verlernen wir, schwierige Gespräche selbst zu führen. Doch für echte Nähe ist es wichtig, sich gegenseitig zumuten zu können, was man tatsächlich denkt und fühlt – inklusive der Unvollkommenheit.“

Einseitige Beziehung

KI verändert möglicherweise sowohl, was wir sagen, als auch, was wir von Kommunikation erwarten. So ist der Chatbot rund um die Uhr verfügbar, geduldig, verständnisvoll. Die Maschine widerspricht selten, ist nur auf die Wünsche und Perspektiven des Menschen ausgerichtet und reagiert eher nicht verletzt oder wütend.

Die Maschine braucht den Menschen und wird daher keinen Beziehungsabbruch riskieren.

Menschliche Beziehungen hingegen beruhen auf zwei Individuen, die beide Bedürfnisse, Grenzen und Interessen haben. „Da kann es vorkommen, dass mein Partner mit seinem eigenen Befinden womöglich gerade keine Kapazitäten für mich übrighat, was dann verglichen mit der Kommunikation zur KI unaufmerksam und desinteressiert wirkt.

Folglich könnte KI schleichend zu einer Art dritten Person in der Beziehung werden, die zwar nicht als tatsächlicher Beziehungspartner, aber als ständig verfügbarer Begleiter die Sichtweise prägt, wie ein Partner zu sein hat. Dieses Anspruchsdenken ist jedoch unfair und führt auch zu Erwartungen, die unerfüllbar sind“, erläutert Kampz.

Was soll ich tun?

„Übertreibe ich?“, „Ist mein Partner toxisch?“: Besonders weitreichend wird ihr Einfluss, wenn KI nicht mehr nur das Formulieren von eigenen Entscheidungen und Gesprächen übernimmt, sondern Beziehungsangelegenheiten bewertet und so Teil des Entscheidungsprozesses wird.

Das Problem: Ein Chatbot erlebt keinen Streit, kennt keine gemeinsame Geschichte, empfindet keine echten Gefühle, sieht keine Körpersprache und erhält in der Regel nur die Perspektive der Person, die ihm die Situation beschreibt.

Trotzdem kann die Antwort der KI erhebliches Gewicht bekommen.

„Wer regelmäßig mit der Technologie über die eigene Beziehung spricht, kann zu ihr neben einer funktionalen auch eine emotionale Vertrauensbeziehung entwickeln. Indem sie allwissend wirkt, immer zuhört und sofort Ratschläge gibt, wird sie zu einer verlässlichen und glaubwürdigen Instanz, von der manche womöglich persönliche Lebensentscheidungen abhängig machen – und deshalb beispielsweise tatsächlich beschließen, sich vom Partner zu trennen“, so Kampz. „Interessant ist dabei nicht nur, wie viel Macht wir der KI damit über unsere Lebensgestaltung geben, sondern auch, was das langfristig eigentlich mit dem Vertrauen in die eigene Urteilskraft machen könnte.“

Die Zukunft der Liebe

Auch in Zukunft wird KI vermutlich in sehr privaten Lebensbereichen eingesetzt werden. „Es ist daher entscheidend zu lernen, zwischen Unterstützung und Stellvertretung zu unterscheiden: So kann uns die Technologie zwar helfen, hin und wieder einen Gedanken zu sortieren oder eine sensible Nachricht vorzubereiten, doch die tatsächlichen Reaktionen des Partners zu erleben oder die eigenen Ängste und Sorgen zu spüren, kann sie uns nicht abnehmen.

Und auch wenn es verlockend scheint, Unangenehmes und Problematisches in zwischenmenschlichen Beziehungen von der KI lösen zu lassen – wer dauerhaft versucht, negative Erfahrungen zu vermeiden, versäumt die Möglichkeit, sich persönlich zu entwickeln und zu wachsen. Schließlich sind gerade Konflikte und schwierige Gespräche wichtige Gelegenheiten, Empathie, Kompromissfähigkeit und den Umgang mit unterschiedlichen Bedürfnissen zu lernen“, sagt Klaus-Dirk Kampz abschließend.

Weitere Informationen unter www.myway-klinik.de