Acht Minuten sind nicht genug!
Warum wir endlich anfangen müssen, Arztzeit als die knappste Ressource unseres Gesundheitssystems zu behandeln, das erklärt Dr. jur. Can Ansay, CEO von DrAnsay:
„Im deutschen Gesundheitswesen wird viel über Geld gesprochen. Mindestens genauso knapp ist aber eine andere Ressource: die Zeit unserer Ärzte*. Eine häufig zitierte internationale Untersuchung kam für Deutschland auf eine durchschnittliche hausärztliche Konsultationsdauer von 7,6 Minuten.[1]
Knapp acht Minuten reichen nicht. In dieser Zeit soll ein Arzt zuhören, Symptome einordnen, Vorerkrankungen und Medikamente berücksichtigen, Risiken erkennen, eine Diagnose stellen, eine Therapie erklären, Fragen beantworten und alles dokumentieren.
Gerade bei älteren, chronisch kranken oder multimorbiden Patienten wird schnell deutlich, wie groß die Lücke zwischen medizinischem Anspruch und verfügbarer Zeit ist.
Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung meldete für 2025 191.875 Ärzte und Psychotherapeuten in der vertragsärztlichen Versorgung.
Immer mehr Mediziner arbeiten aber angestellt oder in Teilzeit. Bei den Hausärzten stieg die Zahl der Personen zwar leicht, die Zahl der vollen Versorgungsaufträge sank jedoch.[2]
Noch deutlicher wird die Herausforderung mit Blick auf die kommenden Jahre.
Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung geht davon aus, dass bis 2040 kumuliert rund 50.000 Ärzte fehlen könnten, wenn das heutige ambulante Versorgungsniveau erhalten werden soll.[3] Wir können deshalb nicht einfach darauf warten, dass irgendwann genügend zusätzliche Ärzte zur Verfügung stehen. Wir müssen besser mit der Arztzeit umgehen, die wir haben.
Nicht jeder Patient muss ins Wartezimmer
Genau hier können Telemedizin und KI einen entscheidenden Unterschied machen. Nicht jeder Kontakt braucht einen Praxisbesuch. Nicht jede Verlaufskontrolle erfordert eine Anfahrt.
Nicht jede Anamnese muss bei Null beginnen.
Und ein hoch qualifizierter Arzt sollte seine Zeit nicht mit Aufgaben verbringen, die Technologie vorbereiten, strukturieren oder teilweise übernehmen kann. Telemedizin kann Patienten und Ärzte unabhängig vom Ort zusammenbringen.
Das ist besonders dort relevant, wo medizinische Expertise regional nicht ausreichend verfügbar ist oder Patienten lange Wege und Wartezeiten in Kauf nehmen müssen.
KI kann zusätzlich vor einem Arztkontakt Informationen strukturieren, Dokumentationen vorbereiten, mögliche Risiken markieren, Befunde vorsortieren oder wiederkehrende administrative Aufgaben vereinfachen.
Das Ziel ist dabei nicht, Ärzte durch Technologie zu ersetzen. Im Gegenteil: Wir müssen Technologie so einsetzen, dass Ärzte mehr Zeit für das bekommen, was nur sie leisten können.
Aus Minuten werden Versorgungskapazitäten
Dass dabei reale Zeitgewinne möglich sind, zeigen inzwischen mehrere Untersuchungen. Eine aktuelle Studie mit mehr als 8.500 Behandlern fand nach Einführung KI-gestützter Dokumentationssysteme durchschnittlich rund 16 Minuten weniger Dokumentationszeit pro Arbeitstag.[4] Diese Minuten wirken zunächst nicht revolutionär.
Doch genau hier liegt der Denkfehler.
Wenn Hunderttausende Ärzte jeden Tag nur wenige Minuten zurückgewinnen, entsteht daraus eine enorme zusätzliche Versorgungskapazität. Und diese Zeit wird dringend gebraucht.
Sie kann für komplexere Fälle eingesetzt werden, für Patienten, die mehr Erklärung benötigen, für Menschen mit mehreren Erkrankungen und für Gespräche, bei denen Vertrauen und menschliche Einschätzung entscheidend sind.
Gerade deshalb müssen wir uns viel konsequenter fragen, welche Aufgaben zwingend ärztliche Expertise brauchen und welche digital unterstützt oder automatisiert werden können.
Technologie ist kein Selbstzweck
Natürlich braucht der Einsatz von KI und Telemedizin klare Grenzen. Komplexe Diagnosen, schwere Erkrankungen und risikoreiche Therapieentscheidungen verlangen ärztliche Erfahrung und Verantwortung.
Aber genau deshalb sollten wir die vorhandene ärztliche Kompetenz nicht mit unnötiger Bürokratie, Dokumentation und Routine blockieren.
Deutschland wird den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen nicht kurzfristig lösen.
Zusätzliche Studienplätze sind wichtig, wirken aber erst Jahre später. Gleichzeitig wächst durch den demografischen Wandel der Versorgungsbedarf. Wir brauchen also beides: mehr medizinisches Personal und einen deutlich intelligenteren Umgang mit der vorhandenen Zeit. Telemedizin und KI sind für mich deshalb keine technischen Spielereien. Sie sind Werkzeuge gegen einen realen Versorgungsengpass. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir Ärzte ersetzen können.
Sie lautet: Wie schaffen wir es, dass Ärzte wieder mehr von dem tun können, wofür wir sie wirklich brauchen?“
Weitere Informationen finden Sie unter: https://can-ansay.com/
Literaturnachweis
[1]https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC119444/;
https://link.springer.com/article/10.1186/s12913-026-14795-6?utm