Aufmerksam, empathisch oder hochsensibel?

Wenn Reize verstärkt erlebt werden

Manche Menschen nehmen Geräusche, Gerüche, Berührungen, Stimmungen oder kleinste Verhaltensänderungen besonders intensiv wahr. Hierbei kann es sich um Hochsensibilität handeln. 

„Dahinter steckt eine überdurchschnittliche Empfindlichkeit des Nervensystems gegenüber inneren und äußeren Reizen. Sie zeigt sich beispielsweise in einem feinen Gespür für nonverbale und paraverbale Signale, sprich bei minimalen Abweichungen von Mimik und Tonfall. Ein solch ausgeprägtes Erleben kann allerdings auch andere Gründe haben“, sagt Dr. med. Steffen Häfner, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Ärztlicher Direktor der Klinik am schönen Moos. 

Er erklärt, wie sich ähnliche psychologische Muster von Hochsensibilität unterscheiden.

Sämtliche Details scannen

Wer glaubt, alle hochsensiblen Menschen seien automatisch empathisch, liegt falsch. 

„Sie können zwar anhand unscheinbarer Anzeichen sofort erkennen, dass es einer anderen Person schlecht geht, doch Empathen zeichnen sich vor allem dadurch aus, die wahrgenommenen emotionalen Zustände auch intensiv mitzuempfinden. Hochsensibilität und Empathie können gemeinsam auftreten, sie müssen es aber nicht unbedingt“, so der Facharzt. 

Bei sozialer Angst werden zwischenmenschliche Signale ebenfalls sehr fein registriert. Hierbei erfolgt jedoch fast immer eine von Furcht geprägte Interpretation.

„Zu bemerken, dass mich jemand seltsam anschaut, ist nicht das Gleiche wie die Annahme, die Person schaut so, weil sie mich ablehnt“, erläutert Dr. Häfner. 

Auf Details aus der Umgebung zu achten und kleinste Abweichungen zu bemerken, kann auch das Resultat traumatischer Erlebnisse sein. Ursache ist in dem Fall ein Nervensystem in Alarmbereitschaft, das ständig nach Gefahren Ausschau hält.

Von Überforderung zum Rückzug

Auch zwischen Hochsensibilität und ADHS gibt es Überschneidungen. 

In beiden Fällen kann die erhöhte Wahrnehmungs- und Reflexionsfähigkeit zu einer Reizüberlastung führen: 

  • Betroffene erleben bestimmte Situationen als besonders anstrengend oder
  • haben nach einem Tag mit vielen Sinneseindrücken ein großes Bedürfnis, sich zurückzuziehen.

Dr. Häfner erklärt: „Bei ADHS geht es aber nicht bloß um eine stark ausgeprägte Aufmerksamkeit, sondern um Schwierigkeiten, diese gezielt zu steuern und zu regulieren – sei es, den Fokus auf eine Aufgabe zu richten oder flexibel zwischen verschiedenen Anforderungen zu wechseln. Hinzu kommen häufig Probleme hinsichtlich Impulssteuerung und exekutiver Funktionen. Eine einzelne Gemeinsamkeit wie ‚Ich bin schnell überreizt‘ reicht deshalb nicht aus, um daraus auf ADHS oder Hochsensibilität zu schließen.“

Zwischen Gefühlen und Verhalten

Wer häufig schnell verletzt ist und schon bei geringster Kritik sehr emotional reagiert, wird im Alltag oft als „überempfindlich“ bezeichnet. Bei diesen Menschen mag der Schluss naheliegen, sie seien hochsensibel. 

Doch intensives Fühlen hat nicht zwangsläufig ein ausgeprägtes emotionales Verhalten zur Folge. 

„Hochsensible Menschen können Reize stark spüren und trotzdem in der Lage sein, ihre Gefühle einzuordnen, zu regulieren und wieder loszulassen“, betont der Facharzt und ergänzt: „Allerdings können sie bei ihnen länger nachwirken, weil nicht nur das Gesagte, sondern auch Tonfall, Mimik und Zwischentöne detailliert verarbeitet werden. Was für andere längst abgehakt ist, beschäftigt sie möglicherweise noch Stunden später. Das sagt aber nicht automatisch etwas über die emotionale Stabilität oder das Verhalten aus, sondern ist Teil einer besonderen Verarbeitungstiefe.“

Wenn Leid entsteht

Hochsensibilität ist keine medizinische Diagnose und grundsätzlich nicht behandlungsbedürftig. 

„Die Einordnung ermöglicht es vielmehr, das persönliche Erleben besser zu verstehen und so zu erkennen, was einem guttut und wo die eigenen Grenzen liegen“, erläutert der Experte. 

Besteht allerdings ein Leidensdruck, sollten Betroffene beobachten, in welchen Situationen Überforderung aufkommt und welche Bedingungen zur Entlastung beitragen. 

„Rückzug, ausreichend Erholung und eine bewusste Gestaltung der eigenen Umgebung können dabei ebenso hilfreich sein wie ein individueller Umgang mit sozialen und beruflichen Anforderungen. Gleichzeitig ist es wichtig, nicht jede Form von Überforderung vorschnell als Hochsensibilität zu deuten: Wenn Beschwerden den Alltag erheblich beeinträchtigen, können schließlich auch andere psychische oder körperliche Ursachen dahinterstecken. Eine fachliche Abklärung kann dann sinnvoll sein, um gegebenenfalls passende Unterstützung zu finden“, betont Dr. Häfner abschließend.

Weitere Informationen zu diesem und weiteren Themen erhalten Sie auch direkt unter www.klinik-a-s-moos.de