Gefährliche Gefühle - Wenn Männer Emotionen zeigen
Stark, unabhängig, dominant – immer noch gibt es tradierte Vorstellungen davon, wie Männer sein sollten.
Halten diese das eigene Geschlecht für überlegen, glauben sie oftmals, ihre Stärke und Macht demonstrieren zu müssen.
Ein solches Rollenbild, geprägt durch schädliche Denk- und Verhaltensweisen, wird als toxische Männlichkeit bezeichnet.
„Viele Jungs lernen früh, Gefühle wie Angst, Trauer oder Hilflosigkeit zu unterdrücken, da diese als Schwäche gelten. Die emotionale Selbstzensur erhöht allerdings nachweislich das Risiko für Depressionen, Angststörungen, Suchtverhalten und Suizid“, weiß Dr. med. Steffen Häfner, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Ärztlicher Direktor der Klinik am schönen Moos.
Verletzlichkeit verboten
Durch das starre Rollenbild entsteht ein innerer Konflikt: Emotionen sind vorhanden, dürfen aber nicht gezeigt oder offen verarbeitet werden.
Verletzlichkeit ist tabu. Besonders problematisch ist bei toxischer Männlichkeit auch die enge Verknüpfung von Selbstwert und Leistung.
Scheitern, sei es im Beruf oder in Beziehungen, wird nicht als Teil menschlicher Entwicklung, sondern als persönliches Versagen als Mann angesehen.
„Die Folge ist ein fragiles Selbstbild, das kaum Raum für Selbstreflexion oder emotionale Nähe lässt. Langfristig kann dies zu chronischem Stress, innerer Leere, Wutproblemen oder psychosomatischen Beschwerden führen“, erläutert der Facharzt.
Stiller Schmerz
Permanent Gefühle zu unterdrücken beziehungsweise diese immer mit sich allein auszumachen, kann Betroffene sehr belasten und letztlich zu psychischen Erkrankungen führen. Doch Studien zeigen: Männer nehmen im Vergleich zu Frauen deutlich seltener psychologische Hilfe in Anspruch[1] – nicht, weil sie sie weniger bräuchten, sondern häufig aus Angst vor Stigmatisierung.
Besonders die hohe Suizidrate unter Männern weist auf eine gefährliche Lücke zwischen Leidensdruck und Hilfesuche hin.[2] „Viele fühlen sich gefangen in Erwartungen, die sie selbst nicht erfüllen können. Frühe psychotherapeutische Unterstützung kann Entlastung bringen und Wege zu mehr emotionaler Offenheit ermöglichen – das ist keine Schwäche, sondern eine Frage der Gesundheit“, betont Dr. Häfner.
Unterdrückte Gefühle, sichtbare Gewalt
Toxische Männlichkeit hat nicht nur Folgen für die Männer selbst. Sie erschwert gleichberechtigte Beziehungen und wirkt sich negativ auf Familien, Partnerschaften und Arbeitsumfelder aus. Unter anderem, weil das Rollenbild emotionale Verarbeitung verhindert und häufig zu aggressivem Verhalten gegenüber anderen Menschen führt – meist gegen Frauen gerichtet.
Der Facharzt erklärt: „Wer nie gelernt hat, Gefühle zu kommunizieren, verspürt bei Problemen oft eine starke Ohnmacht. Um vermeintliche Kontrolle zurückzuerlangen, bahnen sich Emotionen ihren Weg durch Gewalt. Die Überzeugung dieser Männer, das stärkere, überlegene Geschlecht mit mehr Rechten zu sein, geht deshalb häufig mit frauenfeindlichem Handeln einher.“
Von toxisch zu menschlich
Dr. Häfner sieht toxische Männlichkeit nicht als ein individuelles Problem, sondern als ein strukturelles: „Sie entsteht durch Erziehung, Medienbilder und soziale Sanktionen – und sie lässt sich auch nur durch gesellschaftliche Veränderungen abbauen. Wir müssen weg von einengenden Rollenbildern, hin zu psychischer Selbstfürsorge und einer Männlichkeit, die Verletzlichkeit als menschlich begreift. Eine offene Auseinandersetzung mit mentaler Gesundheit und vielfältigen Formen von Männlichkeit ist ein zentraler Baustein für Prävention und gesellschaftlichen Fortschritt.“
Weitere Informationen unter www.klinik-a-s-moos.de