Hat heute jeder ADHS?
Ein Facharzt klärt auf
Wer Dinge ständig aufschiebt, den Schlüssel regelmäßig verlegt oder in Meetings unruhig auf dem Stuhl hin und her rutscht, findet heutzutage in den sozialen Medien sofort Leidensgenossen und erhält direkt die passende Diagnose: ADHS.
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung erlebt online einen regelrechten Hype und die Zahl der Diagnosen steigt.
Allerdings nehmen inzwischen auch die kritischen Stimmen zu, dass es sich bei ADHS um eine Modediagnose handle. Dr. med. Tobias Hornig, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der MEDIAN Klinik St. Georg Bad Dürrheim, klärt im Interview auf.
Ist ADHS eine Modediagnose?
„ADHS als Modediagnose zu bezeichnen, halte ich für verkürzt und in dieser Schärfe für falsch. ADHS ist eine gut erforschte, überwiegend neurobiologisch bedingte Störung mit hoher genetischer Komponente. Das Etikett ‚Modediagnose‘ hat eine nicht zu unterschätzende Wirkung: Es kann dazu führen, dass ADHS verharmlost oder abgetan wird, Betroffene sich nicht ernst genommen fühlen und aus Angst vor Stigmatisierung zögern, eine Abklärung zu suchen.“
Warum wird ADHS heutzutage so viel häufiger diagnostiziert als früher?
„Dass heute mehr Diagnosen gestellt werden als noch vor 20 oder 30 Jahren, liegt vor allem daran, dass wir genauer hinschauen, es bei Mädchen und Frauen besser erkennen und dass zunehmend auch Erwachsene in Diagnostik und Behandlung kommen. Das ist ein Fortschritt, weil Menschen früher oft jahrzehntelang ohne Diagnose und ohne Hilfe mit massivem Leidensdruck gelebt haben.
Viele Verhaltensweisen wurden zum Beispiel einfach als ‚temperamentvoll‘ oder ‚unruhig‘ abgestempelt und als Zappelphilipp-Syndrom abgetan.
Erst in den vergangenen Jahren rückte ADHS stärker in den Fokus. Heute wird diagnostiziert, was früher schlicht übersehen wurde.
Andererseits Seite gibt es aber auch Graubereiche, in denen leichtere Ausprägungen von Unruhe, Konzentrationsschwäche oder Stimmungsschwankungen heute schneller mit einem Krankheitsbegriff belegt werden. Hier besteht die Gefahr, dass normale Reaktionen auf Belastungen oder normative Unterschiede in Persönlichkeit und Temperament vorschnell pathologisiert werden.“
Viele Menschen schauen ein paar Videos in Social Media und diagnostizieren sich im Anschluss selbst ADHS – woran liegt das?
„Selbstdiagnosen sind attraktiv, denn sie bieten eine Identität, Zugehörigkeit zu einer Community und vor allem eine Erklärung: ‚Ich bin nicht einfach faul oder chaotisch, mein Gehirn funktioniert anders.‘
Das kann sehr entlastend sein. Problematisch wird es, wenn daraus ohne fachliche Abklärung Konsequenzen gezogen werden – etwa die Ablehnung anderer möglicher Erklärungen oder die Selbstmedikation. ADHS-typische Symptome kommen auch bei Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, Suchterkrankungen, Schlafmangel oder körperlichen Erkrankungen vor. Ohne eine strukturierte Diagnostik besteht das Risiko, Wesentliches zu übersehen.“
Warum wird ADHS bei Erwachsenen oftmals nicht erkannt?
„Zum einen sind viele Bilder von ADHS in Köpfen und Lehrbüchern noch stark auf das hyperaktive Grundschulkind fokussiert. Eine erwachsene Frau mit Studienabschluss und chronischer Prokrastination passt für viele nicht in dieses Schema.
Zum anderen suchen Erwachsene selten wegen ‚ADHS‘ Hilfe, sondern wegen der Folgeprobleme: Depressionen, Ängste, Erschöpfung, Beziehungsprobleme, Sucht. Hinter diesen Symptomen kann eine nie erkannte ADHS stehen, die die Lebensführung über Jahre erschwert hat.
Dazu kommt, dass die Rückschau auf die Kindheit oft lückenhaft ist: Eltern sind vielleicht nicht mehr erreichbar oder erinnern sich nur noch vage, alte Zeugnisse existieren nicht mehr. All das macht die Diagnostik anspruchsvoller.“
Wie erhält man eine offizielle ADHS-Diagnose?
„Der Weg zu einer gesicherten ADHS-Diagnose ist immer ein mehrstufiger Prozess. Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch über die aktuelle Symptomatik:
Wie äußern sich Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Unruhe im Alltag?
Seit wann bestehen diese Auffälligkeiten, wie war die Schulzeit, wie verlief das Berufsleben?
Hinzu kommt, wenn möglich, die Fremdanamnese: Berichte von Eltern, Partnern oder anderen Bezugspersonen sowie alte Grundschul-Zeugnisse können wertvolle Hinweise geben, ob bereits in der Kindheit entsprechende Symptome bestanden.
Fragebögen und Testverfahren ergänzen das Bild, sie sind aber nie allein entscheidend. Genauso wichtig ist die Differenzialdiagnostik: Man muss sorgfältig prüfen, ob andere Störungen – etwa Depressionen, Angststörungen, Autismus-Spektrum-Störungen, Persönlichkeitsstörungen oder körperliche Erkrankungen – die Symptomatik erklären könnten oder zusätzlich vorliegen.“
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