Besseres Hören für rund eine Million Deutsche

International führender Experte nennt Ursachen für eklatante Mängel bei der Versorgung schwerhöriger Bundesbürger und empfiehlt ein gemeinsames Handeln aller Akteure

Wenn Hörgeräte schwerhörigen Menschen keine ausreichende Hilfe mehr bieten, dann können ihnen Cochlea-Implantate (CI) die Rückkehr in die Welt des Hörens ermöglichen.

Das ist seit langem bekannt.

Dennoch beklagen Experten, dass von 20 schwerhörigen Bundesbürgern mit entsprechender Indikation aktuell nur einer die Hörprothese erhält.

Warum das so ist und welche Schritte erforderlich sind, um diese offensichtliche Versorgungslücke zu schließen, das erklärt Prof. Prof. h.c. Dr. med. Thomas Lenarz, Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und Leiter des Deutschen Hörzentrums, aktuell in einem Interview.

Derzeit hören allein in Deutschland etwa 55.000 Kinder und Erwachsene mit dem Cochlea-Implantat (CI).

„Wir haben jedoch klare Fakten, die belegen, dass von 20 Patienten, die von einem Cochlea-Implantat profitieren könnten, nur ein einziger mit dem CI versorgt ist“, so der international führende Experte auf dem Gebiet der Cochlea-Implantation.

Ursache für diese eklatante Unterversorgung seien in erster Linie erhebliche Wissenslücken bei vielen Betroffenen, erläutert Professor Lenarz.

Oft fänden diese nicht die richtigen Ansprechpartner; sie würden durch falsche oder fehlende Informationen von der bestmöglichen Behandlung abgehalten.

Deutschland mangele es insbesondere an einem etablierten Care-Modell, das den Prozess der Hör-Versorgung beschreibt und den Akteuren Orientierung bietet. Zudem fehle ein Netzwerk, in dem alle beteiligten Akteure zusammenarbeiten.

Optimale Hörversorgung ist nur mit Unterstützung der Politik zu erreichen

Im aktuellen Interview plädiert der Experte daher für ein Modell der integrierten Versorgung, das die Akteure zusammenführt, und in dem alle gemeinsam höchste Qualität sicherstellen. – „Ohne die Unterstützung von Seiten der Politik wird dieses Ziel nicht zu erreichen sein“, so Professor Lenarz.

Wichtig sei zudem, mit einer reichweitenstarken Kampagne zu vermitteln, „dass es über die Hörgeräteversorgung hinaus Möglichkeiten zur Therapie gibt.“ Auch hier könne die Politik unterstützen.

Was man wissen sollte:
Das Cochlea-Implantat (CI) wird unter die Kopfhaut des Patienten eingesetzt und reicht bis in dessen Innenohr. Es wandelt gesprochene Worte und andere akustische Signale in elektrische Impulse um.

Durch diese Impulse wird der Hörnerv in der Hörschnecke (Cochlea) stimuliert.

Zu jedem CI gehört außerdem ein Soundprozessor mit Sendespule, der entweder wie ein Hörgerät hinter dem Ohr oder alternativ frei vom Ohr getragen wird.

Gehörlos geborenen Kindern und hochgradig hörgeschädigten bis ertaubten Kindern sowie hochgradig hörgeschädigten und ertaubten Erwachsenen kann das CI wieder den Zugang zur Welt des Hörens und der gesprochenen Worte eröffnen.

Eine Orientierung, ab wann ein Cochlea-Implantat in Erwägung gezogen werden sollte, bietet die AWMF-Leitlinie „Cochlea-Implantat Versorgung“ der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e. V. (DGHNO-KHC)

Weitere Informationen erhalten Sie auch direkt unter https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/017-071.html.

Adult Hearing ist eine internationale Informationsplattform, die darauf abzielt, das Bewusstsein für die neuesten klinischen Erkenntnisse zur Versorgung von schwerhörigen Erwachsenen zu schärfen und einen definierten Versorgungsstandard zu erreichen. Die Website wurde in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern der Delphi-Konsensgruppe sowie dem Consumer and Professional Advocacy Committee erstellt.

Weitere Informationen unter https://adulthearing.com/.